Verfasst von: alanwallislloyd | Februar 2, 2010

Die zwei Hyänen

[24. Januar 2009]

Ein alter Massai-Krieger wies sein Enkelkind in die Weisheiten seines Volkes ein.

„In mir findet ein Kampf statt. Ein schrecklicher Kampf. Es ist der Kampf zwischen zwei Hyänen: Die eine Hyäne steht für die Angst, für Ärger, Neid, Leid, Reue, Gier, Arroganz, Selbstmitleid, Schuldgefühle, Groll, Minderwertigkeitsgefühle, Lügen, falscher Stolz, Überlegenheit und Ego.

Die andere steht für Freude, Frieden, Liebe, Hoffnung, Teilen, Friedfertigkeit, Demut, Freundlichkeit, Wohlwollen, Freundschaft, Empathie, Großzügigkeit, Wahrheitsliebe, Mitgefühl und Glauben. Derselbe Kampf findet auch in dir statt, und in jedem anderen Menschen.“

Das Kind überlegte eine Weile, dann fragte es seinen Großvater: „Und welche Hyäne wird gewinnen?“

Der alte Massai hatte eine schlichte Antwort: „Die, die du nährst.“

–Von einer alten Geschichte

Verfasst von: alanwallislloyd | Februar 2, 2010

Dezembriges…

[21. Dezember 2008]

Weihnachten 2008

Ich möchte allen LeserInnen und BesucherInnen dieser Webseite ein frohes Weihnachtsfest und ein gutes Neues Jahr wünschen!

Merry Christmas and a happy New Year!

Heri ya krismas! Heri ya mwaka mpya!

Nadolig llawen a blwyddyn newydd dda!

Rauhnachtstraditionen

“Weihnachtszeit” – wer dieses Wort hört, denkt gewöhnlich an das Kind in der Krippe und an den gemütlichen Weihnachtsmann in der Stube. Dabei ist die Tradition der geweihten Nächte doch viel älter, und oftmals viel weniger gemütlich, als die meisten Menschen hierzulande ahnen. Der Begriff “Rauhnächte” bezeichnet die teils besinnlichen, teils furchterregenden Tage zwischen der Thomasnacht/Sonnenwende am 21. Dezember und dem Dreikönigs- oder Frau-Holle-Tag am 6. Januar. Jetzt, in der Zeit von Wotans Wilder Jagd, ist der Schleier zwischen den Jahren, und zwischen den Welten, ganz besonders dünn gespannt. Wer sich diese urtümlichen Jultraditionen zur Kenntnis nimmt, wird schnell verstehen, warum man sich auch heute noch “frohe Weihnachten” und “einen guten Rutsch ins Neue Jahr” wünscht, zumal die Alternative alles andere als “froh” und “gut” sein könnte… –AWL

Jegliche Arbeit ist verboten in den Rauhnächten, sonst fällt der Wolf in die Herde und das Vieh gedeiht nicht.

Zwischen Weihnachten und Neujahr darf nicht ausgemistet und nicht gedroschen werden, sonst hat man es mit den Hexen zu tun. Man darf sich und auch seine Kleider nicht waschen, sonst hat man kein Glück im kommenden Jahr.

Die Träume der zwölf Nächte erfüllen sich in den entsprechenden Monaten des Jahres. Träumt man vor Mitternacht, so erfüllt sich dies in der ersten Hälfte des Monats. Träume nach Mitternacht am Ende des Monats.

Elstern, die in den Rauhnächten geschossen werden, sollen zu Pulver gebrannt werden. Das hilft gegen das kalte Fieber.

An Weihnachten muss man die Stube wischen um zwölf Uhr in der Nacht und zwar hinterführ und nackend. Wenn man dies tut, sieht man den zukünftigen Geliebten oder die Geliebte nackend unter dem Tisch sitzen.

Schneidet ein Mädchen in der heiligen Nacht eine weiße Zwiebel und streut Salz darauf, so werden sich bis am Morgen die Züge des zukünftigen Gatten abbilden.

Folgt das Mädchen am Heiligen Abend der Einladung ihres Geliebten, so kann jenem im folgenden Jahre nichts Böses widerfahren.

In der Weihnachtsnacht wird alles Wasser zu Wein und die Tiere reden in menschlicher Sprache zueinander.

Wer an Weihnachten viel isst, dem geht es das nächste Jahr gut.

In der Silvesternacht kann man die Unterirdischen in ihrer Werkstatt arbeiten hören.

Am Frau-Holle-Abend [dem 5./6. Januar] können die Tiere wie in der Heiligen Nacht reden; das um Mittermacht geschöpfte Wasser hat große Heilkraft.

Scheint am Dreikönigstag die Sonne, gibt es Frieden im kommenden Jahr.

Quelle:
Sigrid Früh, Rauhnächte: Märchen, Brauchtum, Aberglaube. Waiblingen: Verlag Stendel, 1998.

Rauhnächte
von Anariel

Einherja, einherja!
Es folgt die wilde Jagd.
Komm nur mit, komm nur mit,
Wer auch immer es denn wagt.

Wendenfeuer, Wendenfeuer!
Brennen hoch hinauf.
Hexen, Geister, Ungeheuer
Weckt sie alle auf.

Werft um den Rauch, das Fetzgewand
Zieht vor den Besen aus dem Eck.
Reich die Hand, reich die Hand.
Bei Morgengrau sind wir wieder weg.

Singt und ruft im Nachtgefild.
Dreht im Kreis und schwingt.
Tanzt chaotisch wild.
Wer weiß was morgen bringt…

Die Wilde Jagd der Rauhnächte…

Wutanes her und alle sîne man,
di di reder und di wit tragen
geradebreht und erhangen,
ir sult von hinnen gangen.

Wotans Heer und alle seine Leute
welche die Räder und die Weidenruten tragen
gerädert und erhängt
ihr sollt von hinnen gehen.

(Aus dem Münchner Nachtsegen, 14. Jahrhundert)

„Ihre Schilde sind schwarz, ihre Leiber bemalt; für ihre Kämpfe wählen sie finstere Nächte und verbreiten schon durch das Schreckhafte und Düstere ihres Geisterheeres Entsetzen…” –Tacitus

[16. Dezember 2008]

Flüchtiger als der Wind…

Wohl wahr, ich rede
Von Träumen, Kindern eines müßgen Hirns,
Von nichts als eitler Phantasie erzeugt,
Die aus so dünnem Stoff als Luft besteht
Und flüchtger wechselt als der Wind, der bald
Um die erfrorne Brust des Nordens buhlt
Und, schnell erzürnt, hinweg von dannen schnaubend,
Die Stirn zum taubeträuften Süden kehrt.

– William Shakespeare, Romeo und Julia (1. Aufzug, 1. Szene)

Jahresendspurt, Jahresendkrach – in der Adventszeit scheint der Nordwind immer besonders stark zu wehen, und dieses Jahr bildet keine Ausnahme. Dennoch bringt der Nordwind auch Gutes, und es freut mich sehr, meinen Lesern mitteilen zu können, dass der neue Roman – “Auf dem Rücken des Nordwinds” – schon seit zwei Wochen beim Verlag liegt und im kommenden März erscheinen wird. “Nachtflug zum Kilimanjaro” geht jetzt in die dritte Auflage. Auf meiner “Erzählungen“-Seite gibt es auch neuen Lesestoff, nämlich die ersten Geschichten vom Hausmeister Mang, die ich in den kommenden Wochen und Monaten vervollständigen will, sowie ein Krippenspiel aus meiner Feder, die jedem/r frei zur Verfügung steht.

Weihnachtsstress? Weihnachtstief? Alles eine Frage der Einstellung, denn bald sind die letzten dunklen Mittwintertage um und darauf folgt eine Zeit, die nicht nur von Wind und Wirbel, sondern vor allem auch von Träumen und Neubeginn geprägt sein sollte…

Verfasst von: alanwallislloyd | Februar 2, 2010

Der reichste Mensch…

[1. Dezember 2008]

Die sieben Fragen des Walisers Catwg des Weisen an die sieben Weisen des Kollegs zu Llanvuthan und deren Antworten

„Was ist die größte Weisheit des Menschen?“
„Fähig sein, Böses zu tun, und es doch nicht zu tun“, antwortete St. Tedio.

„Was ist die höchste Güte des Menschen?“
„Die Gerechtigkeit“, antwortete Tahaiarn.

„Was ist das eigensinnigste Laster des Menschen?“
„Die Unmäßigkeit“, antwortete Taliesin, Herr der Barden.

„Was ist die edelste Handlung des Menschen?“
„Die Aufrichtigkeit“, antwortete Cynan, Sohn des Clydno Eddin.

„Was ist die größte Torheit des Menschen?“
„Einem anderen Böses zu wünschen, ohne es selbst herbeiführen zu können”, antwortete Ystyvan, der Barde von Teilo.

„Wer ist der ärmste Mensch?“
„Wer nicht mit seinem eigenen Besitz zufrieden ist“, antwortete Arawn, Sohn des Cynvarch.

„Wer ist der reichste Mensch?“
„Wer nichts begehrt, das anderen gehört“, antwortete Gildas von Coed War.

Quellen:
Historia Brittonum
The Myvyrian Archaiology of Wales, Bd. III (London 1807)
T. Jeffery Llewelyn Prichard, Welsh Minstrelsy (London 1824)
D. Delta Evans, Ancient Bards of Britain (London 1906)

Einige walisische Sprichwörter:

Eli i bob dolur yw amynedd.
Die Geduld ist eine Salbe für jede Wunde.

A bryn gig a bryn esgyrn.
Wer Fleisch kauft, kauft auch Knochen.

Rhowch i leidr ddigon o raff, fe grogiff ei hun.
Gebt dem Dieb genug Seil, dann erhängt er sich selber.

Digon yw ychydig yn fwy nag sydd gennyt.
Genug ist ein kleines bisschen mehr, als du schon hast.

Amynedd yw mam pob doethineb.
Die Geduld ist die Mutter aller Weisheit.

Mae bwdel ar bob llwybr.
Auf jedem Weg gibt es eine Pfütze.

Cam dros y trothwy, hammer y daith.
Ein Schritt über die Schwelle ist schon die halbe Reise.

A heuo ddrain, na fid droednoeth.
Wer Dornen sät, sollte nicht barfuß gehen.

Call gwr a ddyco ei elyn yn gar iddo.
Weise ist der Mann, der seinen Feind zum Freunde macht.

Ddirwyn bob dydd.
Der Geist des Menschen ist eine Uhr, die täglich aufgezogen werden muss.

Verfasst von: alanwallislloyd | Februar 2, 2010

Hans im Glück… auf afrikanische Art

[19. November 2008]

Märchen stellen einen unersetzbaren Schatz an Volksweisheit dar und zwar in jedem Kulturkreis dieser Erde. Was wären wir Europäer heute ohne die Brüder Grimm sowie andere Märchensammler, die dieses bedrohte Erzählgut vor dem sicheren Untergang bewahrt haben? Ein Hort an vermutlich schmerzlich, über zahllose Generationen hinweg erarbeiteter Alltagsethik, gesundem Menschenverstand sowie Wahrheit über die menschliche Lage wäre uns endgültig verloren gegangen. Wie Jenny Sandau in meinem Roman „Im Reich Ngassas“ sagt, „Märchen sind die wahrsten Geschichten, die es gibt.“ 

Zu den besten und auch wahrsten Märchen aller Zeiten gehört meines Erachtens „Hans im Glück“. Die Geschichte ist schnell erzählt: Ein junger Mann opfert sieben Jahre seines Lebens als Knecht auf einem Bauernhof und wird am Ende dieser Zeit mit einem Klumpen Gold belohnt, der „so groß wie sein Kopf“ ist. Auf dem langen Heimweg zu seiner Mutter tauscht er dieses kostbare aber sperrige Vermögen zunächst gegen ein altes Pferd ein, das er anschließend gegen eine wertlose Kuh eintauscht, die er wiederum gegen ein Schwein eintauscht, das er dann für eine alte Gans hergibt, bis er schließlich zum stolzen Besitzer eines kaputten Schleifsteins wird. Als der schwere Schleifstein dann in einen Brunnen plumpst, freut er sich, ihn nicht mehr schleppen zu müssen, und wandert erleichtert und glücklich zu seiner Mutter nach Hause. 

Für dieses an sich einfache Märchen gibt es allerdings zwei Interpretationen. Die gängige besagt doch, dass Hans einfach ein Narr ist, der den Wert der Arbeit und des Geldes nicht begreift und dadurch ein williges Opfer eines jeden Halsabschneiders wird, dem er unterwegs begegnet, bis er dann völlig ausgebeutet und mittellos zu seiner Mutter heimkehrt (und vermutlich eine ordentliche Tracht Prügel bezieht). Die andere, neuzeitlichere Auslegung behauptet, dass Hans sich tatsächlich „im Glück“ befindet, weil er sich auf diese Weise Schritt für Schritt der Last eines ungewollten materiellen Besitzes entledigt und dann geläutert und veredelt zu seiner Mutter heimkehrt (und vermutlich ebenfalls eine ordentliche Tracht Prügel bezieht). Die „wahre“ Auslegung bleibt natürlich immer den Leser/innen bzw. Hörer/innen überlassen, und das ist richtig so. 

Umso faszinierter war ich, als ich ein sehr ähnliches ostafrikanisches Märchen entdeckte, das mir bei meinen Recherchen zur Sukuma-Erzähltradition für „Im Reich Ngassas“ unter die Augen gekommen ist. Dieses Märchen geht allerdings in eine ganz andere Richtung und enthält eine eher ambivalente (und ziemlich grausame) Botschaft. Das Märchen selbst, das ich unter dem Titel „Der arme Junge, der unbedingt reich werden wollte“ nacherzähle, finden Sie auf meiner „Erzählungen“-Seite. Über die Ethik der dort geschilderten Transaktionen lässt sich natürlich streiten, aber das unternehmerische Draufgängertum des jungen Mannes ist auf jeden Fall… beeindrückend.

Verfasst von: alanwallislloyd | Februar 2, 2010

Samhain!

[31. Oktober 2008]

Der Herbst ist die Zeit des Nebels und der Schatten, der Gespenster und Hexen, wo der Schleier zwischen der Welt der Menschen und der Welt der Geister besonders dünn gespannt ist. Er ist auch die allerbeste Zeit, ein spannendes Buch in die Hand zu nehmen bzw. ein eigenes zu schreiben! Ich selber benutze die langen Herbstabende dazu, meinem neuen Roman “Auf dem Rücken des Nordwinds” den letzten Schliff zu geben (mit etwas Hilfe von meinem Kater Andy, der mir dabei Gesellschaft und moralischen Beistand leistet). In diesem Sinne wünsche ich allen Leserinnen und Lesern dieser Seiten ein gruseliges und besinnliches Samhain/Halloweenfest!

Verfasst von: alanwallislloyd | Februar 2, 2010

Einmal sollte man…

[19. August 2008] 

von Mascha Kaléko

Einmal sollte man…

Einmal sollte man seine Siebensachen
Fortrollen aus diesen glatten Geleisen.
Man müßte sich aus dem Staube machen
Und früh am Morgen unbekannt verreisen.

Man sollte nicht mehr pünktlich wie bisher
Um acht Uhr zehn den Omnibus besteigen.
Man müßte sich zu Baum und Gräsern neigen,
Als ob das immer so gewesen wär.

Man sollte sich nie mehr mit Konferenzen,
Prozenten oder Aktenstaub befassen.
Man müßte Konfession und Stand verlassen
Und eines schönen Tags das Leben schwänzen.

Es gibt beinahe überall Natur,
- Man darf sich nur nicht sehr um sie bemühen -
Und soviel Wiesen, die trotz Sonntagstour
Auch werktags unbekümmert weiterblühen.

Man trabt so traurig mit in diesem Trott.
Die anderen aber finden, daß man müßte…
Es ist fast so, als stünd man beim lieben Gott
Allein auf der schwarzen Liste.

Man zog einst ein Lebenslos “zweiter Wahl”.
Die Weckeruhr rasselt. Der Plan wird verschoben.
Behutsam verpackt man sein kleines Ideal.
- Einmal aber sollte man… (Siehe oben!)

Verfasst von: alanwallislloyd | Januar 29, 2010

Der 500-Jahresplan Nachtrag zu meinem Bericht vom 16. Juni

[20. Juni 2008]

Auch die schlimmsten Naturkatastrophen gehen irgendwann zu Ende. Wo ich wohne, kehrt die Normalität wieder ein. Der bedeutendere Nachbarort Cedar Rapids dagegen ist bis auf weiteres unbewohnbar: die gesamte Innenstadt stand bis vor kurzem unter Wasser, inkl. alle Regierungsgebäude, das Kunstmuseum, das historische Opernhaus, das National Czech and Slovak Museum, das historische tschechische Viertel mit der altehrwürdigen Wenceslaskirche (diese Region ist das Zentrum tschechischer Einwanderung in die USA) sowie die älteste Moschee der USA (Baujahr 1934). 23.000 Menschen sind bis auf weiteres obdachlos. Das Trinkwasser ist rationert (um Wasser zu sparen, darf man zwar aufs Klo gehen, aber nicht die Hände waschen!). Es besteht Vergiftungs- und Seuchengefahr. Dazu kommen Probleme, über die sich wohl die wenigsten jemals Gedanken gemacht haben: Berge von Giftmüll und -schlamm, verseuchte Gemüsegärten, Killer-Schimmelpilze in den Wänden, und nicht zuletzt himmlische Heerscharen von Mücken.

Das ist allerdings ein natürlicher Vorgang, zumal die Katastrophe auf das Konto der starken Niederschläge geht und von menschlicher Seite vorbildlich gemanagt wurde. Was mich dabei beunruhigt, ist die Tatsache, dass genau diese Katastrophe erst vor sehr kurzer Zeit von den Behörden vorausgesehen wurde – als ein Ereignis, das angeblich nur einmal in 500 Jahren stattfinden könne. Wie beruhigend! Was kann sich sonst noch alles in den nächsten 500 Jahren ereignen? Oder bereits morgen? Oder jetzt gleich…?

Cedar Rapids (US-Staat Iowa), Juni 2008

[16. Juni 2008]

Neues vom Verlag – und ein Weckruf von Mutter Natur

Es freut mich sehr, dass der erste Band der Korongo-Reihe, “Nachtflug zum Kilimanjaro”, fast ausverkauft ist und bald in die zweite Auflage geht. Über den Erscheinungstermin sowie über das neue Cover werde ich meine Leserinnen und Leser rechtzeitig informieren. Bd. 2, “Im Reich Ngassas”, wird voraussichtlich in der kommenden Woche ausgeliefert und “Auf dem Rücken des Nordwinds” geht Ende August an die Lektorin. Also, es geht voran!

Ich werde mich ab kommender Woche für knapp zwei Monate im Mittleren Westen der USA aufhalten, wo ich seit vielen Jahren einen Sommerkurs an der University of Iowa unterrichte. Dieses Mal wird der Sommer wohl spannender als sonst werden, da die Uni mitten im Katastrophengebiet liegt und sich teilweise schon unter Wasser befindet. In meinem Ort sind bisher 9.000 Menschen evakuiert worden, aber im benachbarten Cedar Rapids sind schon über 24.000 auf der Flucht. Überall Sandsäcke, Nationalgarde, Checkpoints. Die Uni ist bis auf weiteres geschlossen, mein geliebtes Kunstmuseum mit der einmaligen Afrikaabteilung ist schon beschädigt, den weitläufigen Stadtpark gibt es nicht mehr und die Stunden des wunderschönen Shakespeare-Theaters, wo jeden Sommer das berühmte Shakespeare-Festival stattfindet, sind wohl gezählt. Im Gegensatz zum Katrina-Desaster in New Orleans im Jahre 2005 scheint die Regierung die Situation einigermaßen im Griff zu haben. Dennoch kann man die Natur nie ganz in den Griff kriegen, da sie uns ja im Griff hat. Wer diese einfache Tatsache außer Acht lässt, lebt gefährlich.

Mein persönliches Abenteuer beginnt schon am Dienstag, da die normalerweise 30-minütige Fahrt vom Flughafen in die Stadt möglicherweise in eine 6-stündige Odyssee ausarten wird, zumal alle großen Straßen und Brücken in einem Gebiet, das etwa so groß wie Bayern ist, noch gesperrt sind. Vielleicht geht alles gut, aber es kann durchaus sein, dass ich die ersten Tage in einer Notunterkunft der Nationalgarde verbringen werde – eine neue Erfahrung, die ich natürlich auf dieser Seite zum Besten geben werde. Ich halte Sie auf dem Laufenden!

Hier sind einige neue Zeitungsfotos aus dem Katastrophengebiet:

Land unter im Mittleren Westen

24.000 Evakuierte

Das inzwischen zerstörte Shakespeare-Theater im (ehemaligen) Stadpark

Verfasst von: alanwallislloyd | Januar 29, 2010

Eindrücke von der ILA 2008

[1. Juni 2008]

Es war ein langer Weg - und ein verwegenes Ziel – aber es ist mir am Freitagabend tatsächlich gelungen, den Erstentwurf von meinem nächsten Roman, „Auf dem Rücken des Nordwinds“, planmäßig abzuschließen. Zwar ist der Weg zu meinem Laptop noch lange nicht so weit, wie der Weg, den Jenny und Daniel im Roman zurücklegen müssen (15.000 Kilometer!), aber schließlich brauchen sie knapp zwei Wochen dafür, während es für mich ein wenig länger gedauert hat… Nun steht der kommende Sommer ganz im Zeichen des neuen Romans. Mein Schreibplan: Im Juni wird der Entwurf zu einem Buch, im Juli wird das Buch zu einem guten Buch und im August wird das gute Buch zu einem verdammt guten Buch! Abgabetermin ist Ende August, Erscheinungstermin Ende Oktober. Ja, das wird wieder ein langer Weg werden, aber „mit ein bisschen Hilfe vom Nordwind“ wird mir das schon gelingen.

Dass „Im Reich Ngassas“ schon in wenigen Tagen erscheinen wird, und die Erstauflage von „Nachtflug zum Kilimanjaro“ fast ausverkauft ist, macht mich natürlich ganz besonders glücklich.

ILA 2008, Flughafen Berlin-Schönefeld

Nun passt es gut, dass ich gestern die Chance hatte, die diesjährige Internationale Luftfahrtausstellung in Berlin-Schönefeld zu besuchen. Ich bin zwar schon in früheren Jahren ein paar Mal dagewesen, aber ich habe sie noch nie so voll (und so heiß) erlebt wie in diesem Jahr. Man konnte sich kaum bewegen, als ob alle 250.000 Besucher gleichzeitig auf dem Gelände gewesen wären, und die Wartezeiten waren extrem lang, um die unterschiedlichen Flugzeugtypen von innen zu besichtigen. Am liebsten hätte ich die neue A-380, die ich nun zum ersten Mal erlebt habe, von innen gesehen, aber dafür reichte die Zeit leider nicht aus.

Dieses Mal waren mehrere DC3s in Schönefeld erschienen, und da dieser Flugoldtimer eine wichtige – eigentlich die Hauptrolle – im neuen Roman spielt, war ich wieder ganz in meinem Element.

Vor allem die oben abgebildete DC3, in Wirklichkeit eine Lissunow LI-2, die 1942 unter amerikanischer Lizenz in der Sowjetunion gebaut wurde und heute von einer ungarischen Fluggesellschaft betrieben wird, hat es mir angetan. Der Innenraum wurde denkbar originalgetreu wiederhergestellt. Dabei hat mich die luxuriöse Innenausstattung dieser schwedischen Maschine auf einige neue Ideen für den neuen Roman gebracht.

Dieses Mal ist es mir leider nicht gelungen, den berühmten Berliner „Rosinenbomber“ des Commander Frank Hellberg zu besichtigen, aber schließlich bin ich schon zweimal zu Recherchezwecken mit ihm geflogen.

Und worum geht’s überhaupt im neuen Buch? Ich möchte noch nichts verraten, obwohl einiges schon auf meiner „Bücher“-Seite zu erfahren ist. Ich muss meine Leser/innen leider auf den Herbst vertrösten. Und obwohl die Geschichte mehr oder weniger schon feststeht, bin ich doch ebenfalls sehr gespannt, zu erfahren, was meine Helden auf ihrer abenteuerlichen Reise auf dem Rücken des Nordwinds noch alles erleben werden…

[5. Mai 2008]

Ich hatte schon immer meine Probleme mit der deutschen Filmindustrie. Soviel Talent, so viele Mittel, soviel Potential, und was ist das Resultat? Von einigen erstklassigen Ausnahmen abgesehen, wird uns eine Enttäuschung nach der anderen präsentiert. Woran kann das bloß liegen? Ich denke, es liegt nicht zuletzt an einem Mangel an Originalität, an Mut – und vor allem auch an dem Vertrauen zu den Zuschauern.

Diese These sah ich schon wieder bestätigt, als ich mir vor einigen Wochen Dennis Gansels neuen Film „Die Welle“ im Tegeler Cinestar-Kino anschaute. Die Prämisse des Films – es geht um die Verpflanzung von Morton Rhues berühmtem Roman über ein schiefgelaufenes Sozialexperiment in einer amerikanischen High School nach Deutschland – fand ich zwar wenig originell, dennoch interessant und auch ziemlich gewagt. Schließlich ist Neofaschismus ein anerkanntes und äußerst heikles Problem an deutschen Schulen. Ich war deshalb gespannt zu sehen, wie sich Gansel dieser Herausforderung stellen würde – und wie es mit dem Mut und Vertrauen des deutschen Films steht. Das Ergebnis wird leider auf meine Liste gescheiterter deutscher Produktionen eingetragen.

Dabei ist „Die Welle“ kein schlechter Film. Die jugendlichen Schauspieler sind begabt und engagiert und ihre Lebenswelten werden überzeugend dargestellt. Jürgen Vogel, der Klaus Kinski des neudeutschen Kinos, ist wahrscheinlich die beste Besetzung für die Rolle des ausgeflippten Lehrers, der im Lauf einer Projektwoche zum Thema „Autokratie“ eine neofaschistische „Welle“ unter seinen ahnungslosen Schülern in Bewegung setzt.

Das Potential war also vorhanden, aber „Die Welle“ blieb doch nur ein Wellchen im Wasserglas. Mich störten vor allem zwei Aspekte des Films. Erstens: Die Schule, in der die Geschichte spielt, ist einfach zu wenig „deutsch”, um glaubwürdig zu sein. Mir ist jetzt erst klargeworden, wie uramerikanisch Rhues’ Roman, der auf wahren Tatsachen beruht, wirklich ist. Die Schüler an seiner kalifornischen Schule sind von morgens bis abends auf dem Campus, engagieren sich in Arbeitsgruppen, Sportmannschaften, Orchestern, Clubs usw. usf. Korpsgeist, Fahnenappelle und Großkundgebungen gehören zum amerikanischen Schulalltag. Deutsche Schüler dagegen verbringen sowenig Zeit wie nur möglich in der Schule, außerschulische Aktivitäten sind so gut wie unbekannt, echte Schulcampusse gibt es kaum und von Schwimmbädern und organisierten Wasserballmannschaften können unsere Jugendlichen nur träumen. Der Typ des charismatischen Lehrers, der im Film dargestellt wird, ist ebenfalls ein typisch amerikanisches Phänomen. Solche Lehrer sind hierzulande eine Seltenheit, schon deswegen, weil der Kontakt zwischen Lehrern und Schülern so oberflächlich ist. Und seien wir ehrlich: In Deutschland, der Heimat von Wilhelm Buschs Lehrer Lämpel und Heinrich Spoerls „Feuerzangenbowle”, suchen Jugendliche überall Vorbilder, aber selten im Lehrerzimmer. Insofern ist die deutsche Edelschule, die im Film gezeigt wird, zwar vorbildlich ausgestattet, aber alles andere als glaubwürdig. Wenn der Faschismus nach Deutschland zurückkommt, dann wird die Schuld am allerwenigsten bei engagierten Lehrern und rührigen Kultusministerien zu suchen sein.

Lehrer Lämpel, das unfreiwillige Urbild aller deutschen Lehrer

Aber damit kann ich leben – ich habe schließlich nichts gegen Fantasy-Filme. Das Hauptproblem für mich lag darin, dass der Höhepunkt der Geschichte dermaßen drastisch und stümperhaft umgeschrieben wurde, dass nichts vom erstrebten Lerneffekt übrig bleibt. Man stelle sich vor: Die Schüler sind alle in Uniform erschienen und stehen in Reih und Glied, um eine Live-Übertragung einer Rede ihres „Führers“ zu hören. So weit, so gut. Anstatt aber, dass der Lehrer den Vorhang beiseite schiebt und den erschrockenen Schülern ein Video von Adolf Hitler, dem eigentlichen geistigen Führer der „Welle“, vorführt, sodass die Schüler sich schämen und für alle Zeiten den Neofaschismus abschwören, inszeniert Dennis Gansel einen… Amoklauf.

Wie bitte? Es stimmt wirklich. Die neue Moral der Geschicht’ heißt offenbar: Neofaschismus führt zu Amokläufen. Genial! Wie man aber in meiner alten Heimat sagt: „It just ain’t so“.

Ich vermute zwei Gründe für diese Entscheidung. Zunächst einmal Bürokratismus. Die Filmförderung Berlin-Brandenburg wollte wohl auf ihre Kosten kommen und gleichsam zwei Fliegen mit einer Klatsche schlagen. Neonazis und Amokläufe auf einmal bekämpfen – die perfekte Lösung! Nürnberg wird sozusagen als Vorstufe zu Erfurt verkauft. Es gibt aber ein kleines Problem: Diese Erscheinungen sind zwar gleichermaßen schrecklich, haben aber wenig miteinander zu tun. Die soziale Isolation eines gemobbten Amokläufers und die neofaschistische „Gleichschaltung“ einer aufgebrachten Meute sind sogar klare Gegensätze. Warum sollte man also diese Themen vermischen?

Ich denke, die Filmemacher hatten einfach Angst vor ihrem jugendlichen Publikum – bzw. vor ihren Sponsoren. „Was ist“, hat wohl einer der Produzenten gefragt, „wenn Hitler am Ende gezeigt wird, aber die Zuschauer reagieren nicht wie erwartet, bzw. wenn sie dann erst recht zu Neonazis werden?“ Daher musste am Ende Blut fließen, der Lehrer musste sage und schreibe in Handschellen abgeführt werden, damit auch der dümmste Schüler im Kinosaal begreift, dass Faschismus an deutschen Schulen nichts zu suchen hat.

Kinoerlebnisse wie dieses erwecken bei mir den Eindruck, dass wir als Gesellschaft tatsächlich noch nicht so aufgeklärt sind, wie wir uns einbilden. Oder die deutsche Filmindustrie ist noch nicht soweit. Ich gebe die Hoffnung aber nicht auf.

Verfasst von: alanwallislloyd | Januar 28, 2010

Das Wunder von Gibilmanna

[7. April 2008]

Geben wir es zu – kein Mensch will von angenehmen Urlaubserfahrungen hören. „Das Reisen ist das privateste aller Vergnügen“, schrieb einst die englische Schriftstellerin Vita Sackville-West. „Es gibt keinen größeren Langweiler als den Reise-Langweiler. Wir haben nicht das geringste Interesse, zu erfahren, was Soundso in Hong Kong erlebt hat.“ Martha Gellman hat so resümiert: „Der einzige Aspekt des Reisens, der für andere von Interesse ist, sind Katastrophen.“ Wie wahr! Daher werde ich meine Leser nicht mit Berichten von den sonnendurchfluteten Palazzi Palermos, den Wonnen Taorminas, dem glitzernden Schnee des Ätnas oder dem Trubel am Fischmarkt von Catania einschläfern. Hier geht es lediglich um eines der vielen kleinen Wunder, die uns das Reisen zu würdigen lernen kann.

Schon wieder stehen Silvia und ich in Cefalù, am Fuß der Rocca, eines riesigen Felsen, der diesen antiken sizilianischen Fischerort wie ein kleines Gibraltar überragt. Vor zwei Tagen sprangen wir geradezu die ersten Stufen hoch, während sich die sengende Frühjahrssonne langsam neigte, und freuten uns wie zwei Wandervögel auf den Aufstieg zum Diana-Tempel und zur Ruine der wuchtigen Normannenburg. „Ma è chiusa“, erzählte uns ein Wanderer mit einem schadenfreudigen Blitzen in den Augen. In der Tat: am Tor erfuhren wir, dass die Rocca schon um 16.30 Uhr dichtgemacht hatte. Seit wann kann man einen Berg schließen?, fragten wir beide, aber die Rocca antwortete nicht. Oder doch, denn heute Vormittag, als der Regen immer tiefer in unsere Jacken, in unsere Wanderschuhe einzieht, demonstriert sie ihre Macht ein zweites Mal, als wir wieder vor einem Schild stehen, auf dem diese Worte wie ein Geichtsurteil prangen: „La Rocca rimarrà chiusa.“

Cefalù mit Normannendom und Rocca im Sonnenschein

Ich lasse mir das Wort chiuso/chiusa auf der Zunge zergehen. Für mich heißt es inzwischen nicht nur „geschlossen“ sondern hat auch etwas von „J’accuse!“ an sich. Ich klage an! Ich stelle mir den Rocca-Wärter vor, der einfach blau macht, um diesen verregneten Freitag gemütlich im Schoße seiner Familie zu verbringen. Gleich gibt’s einen Antipasto und einen zarten Kalbsbraten, dazu eine Flasche guten sizilianischen Weins (vielleicht einen süffigen Nero D’Avola) und anschließend ein behagliches Schläfchen vorm Fernseher mit einem frisch gedruckten Corriere della Sera, der nun über seinem schnarchenden Kopf ausgebreitet liegt (und hoffentlich viel Druckerschwärze auf Stirn und Wangen hinterlassen wird). Ja, diese italienischen Beamten – man kann sie nur lieben! Aber wenn Silvia und ich kein anderes Reiseziel auftreiben können, lockt uns nur noch unsere kalte Ferienwohnung in Santo Stefano mit der tollen Regenterrasse mit Panoramablick… auf den Küstennebel.

Wir stapfen durch die Gassen von Cefalù zurück und nehmen Platz an einem caffè auf der Piazza del Duomo, und zwar unter einem breiten Sonnenschirm, der heute als Regenschirm einspringen muss. Nun ist es klar: die einzigen Regenbögen, die wir an diesem Tag erblicken werden, schimmern nur noch in den Pfützen und hinterlassen Ölflecke an unseren Jeansaufschlägen. Der Regen hat den Zauber von vorgestern aus unseren Augen gespült. Ich stelle wieder fest, dass ärmliche Länder jeden Reiz verlieren, sobald das Licht ausgeht. Buongiorno tristezza. Ohne die Mittelmeersonne könnte Sizilien genauso gut irgendwo in Weißrussland liegen.

Wir tun Zucker in unsere Capuccinos und rühren sie um, als könnten wir dadurch diesen versauten Urlaubstag noch versüßen. Ich kritzele ein paar Wörter in mein Schreibheft – Notizen für das Rom-Kapitel meines Romans Auf dem Rücken des Nordwinds, aber die Inspiration – im Gegensatz zum Regen – will heute nicht fließen. Einer der Regenschirme entledigt sich seiner feuchten Last mit einem Schwall wie aus einem Putzeimer. Der deutsche Tourist am Nachbartisch, der die volle Ladung auf die Glatze bekommt, springt auf und flucht auf Bayrisch. War das nicht ein Wink von oben? Un segno? Es ist schon Zeichen genug, denn hier können wir nicht bleiben. Silvia holt den Busplan hervor und wir beschließen, mit dem erstbesten Bus in die Berge hinaufzufahren – zum Heiligtum von Gibilmanna.

Zugegeben, bei diesem Wetter in die Berge zu fahren, ist ein wahrer Glaubensakt. Aber da oben gibt’s laut „DuMont“ wenigstens ein Kapuzinerkloster, ein Museum und einen berühmten santuario, der dem Andenken der Jungfrau Maria gewidmet ist und seit mindestens 1.200 Jahren Pilger aus aller Welt anlockt. Schon der Name Gibilmanna, ein Relikt der Sarazenenzeit, riecht nach Abenteuer: er soll vom arabischen „Gibel-El-Mann“ herstammen – Berg des Mannas, in Anlehnung an die Manna erzeugenden Bäume in der Gegend, oder aber von „Gibel-El-Iman“, Berg des Glaubens.

Der Lokalbus schleicht sich durch das nachmittägliche Gewühl am Bahnhof hindurch und hält an. Wir nehmen Platz unter lauter Schüler und Greise und beginnen den langen Aufstieg an den Hängen des mächtigen Pizzo Sant’Angelos entlang. Eine halbe Stunde später, auf 800 Meter, steigen wir als einzige aus dem Bus aus… und tauchen in ein Nebelmeer ein. Der Regenwind saust zwischen die Fichten. Eine graue Kirchenfassade erhebt sich wie eine Gefängnismauer vor uns. Der santuario ist aber… chiuso. Das Café? Chiuso. Der Laden für religiöse Andenken? Chiuso. Das Museum bleibt chiuso bis 15.30 Uhr. Und das Kloster selbst? Es ist erst recht chiuso. Es bietet tatsächlich keinen Begrüßungsraum, rein gar nichts für frierende Pilger wie wir. Nicht einmal einen Cappuccino bekommt man bei diesen Kapuzinern.

Wir besteigen einen Pilgerweg, eine via crocis, die uns nur noch tiefer in die Nebelglocke hinaufführt, um an einem rostigen Stacheldrahtzaun zu enden. Wir steigen wieder hinunter und umrunden das Kloster dreimal, um uns wenigstens warm zu halten. Nun ist es schon halb vier durch, aber im Museum tut sich nichts. Und nun regnet es im Ernst. Ich klopfe an der Tür, hämmere mit dem schweren Eisenring gegen die Eichenbretter. Ich ernte eine himmlische Stille.

Nun stampfen wir endlich zum Hauptportal des Klosters und klingeln.

„Si?”, faucht die Sprechanlage.

„Vorremmo visitare il museo, per favore”, sage ich.

“È chiuso!”

-Klick-

Chiuso – schon wieder! Was sollen wir nur machen? Die Temperatur liegt knapp über dem Gefrierpunkt und schon setzt der Wind wieder ein. Dabei haben wir noch eine volle Stunde, bis der Bus wiederkommt – wenn er wiederkommt. Wie sollte er in diesem Nebel seinen Weg finden?

Nein, wir wollen keinen Cappuccino mehr. Wir wollen gar nichts mehr von diesen Kapuzinern. Wir wollen nur noch weg.

Wir drehen schon wieder eine Runde durch die steinernen Höfe des Klosters. Plötzlich geht das Kirchenportal auf. Endlich werden wir Zuflucht vor dem Regen finden. Und wenn wir schon auf das Museum verzichten müssen, können wir wenigstens das berühmte Kruzifix sehen, das vor tausend Jahren folgende Worte zu den Mönchen Gibilmannas gesprochen haben soll: „Hier regiert meine Mutter. Wendet euch an sie!“ Das wollen wir auch tun. An wen denn sonst…?

Die Tür knarrt, wir betreten die eisigen Marmorfliesen… und mir stockt der Atem, als ich das Bildnis der Madonna von Gibilmanna im Kerzenschein erblicke. Zuversicht und Zufriedenheit breiten sich über ihr Gesicht aus. Dabei ist sie keinesfalls die unterwürfige Maria der Evangelien (Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast), sondern sie ist ganz die Mutter Gottes, die Königin des Himmels, und zwar aus eigener Kraft. Dies ist eine heidnische Maria. In ihren Zügen entdecke ich Diana, Venus, Isis, Ischtar, Freyja. Schöpferin und Zerstörerin. Goethes „ewig Weibliche“, das uns ja hinanziehen soll…

Wir setzen uns in der Kapelle der Madonna zur Ruhe. Hier brennen wenigstens Lampen. Silvia liest in ihrem Krimi, ich dagegen bewundere eine Zeitlang das Antlitz der Mutter Gottes, dann schreibe ich zwei Szenen von Auf dem Rücken des Nordwinds auf der Rückseite des Busplans.

Die Madonna von Gibilmanna, Antonello Gagini zugeschrieben (16. Jahrhundert)

Hinter meinem Rücken vernehme ich das Klappern eines Stocks auf die Fliesen. Ich drehe mich um. Ein greiser Kapuziner mit einem langen weißen Bart nickt mir zu und setzt sich auf einen Holzstuhl. Ein Mann mittleren Alters im grauen Anzug tritt ans Heiligtum heran, kniet vor dem Marienaltar nieder und murmelt seine Gebete. Aber Silvia liest, und mein Kugelschreiber tänzelt über die Blätter. Das Kapitel, so lange geplant, nimmt endlich Gestalt an. Meine Charaktere recken sich, atmen durch und fangen an zu sprechen…

Nun ist nichts mehr so, wie es früher war. Der fast leere Bus trifft tatsächlich pünktlich um 16.30 Uhr ein. Wir lassen den Nebel auf dem Pizzo Sant’Angelo zurück und fahren wieder nach Cefalù hinunter. Dort lichtet sich der Abendhimmel im Westen und wir bestaunen den Sonnenuntergang überm Meer. Italienisches Speiseeis versüßt die letzten Minuten dieses Tages.

Am nächsten Morgen geschieht Unglaubliches: eine zitronengelbe Sonne steigt in einen wolkenlosen Himmel auf. Das Mittelmeer glüht curaçao-blau und Sizilien ist wieder Sizilien. Und wir sind uns einig: das alles haben wir der Madonna von Gibilmanna zu verdanken. Wir sind nämlich weiser geworden, denn in Zukunft werden wir, mit Krimi und Schreibheft (unsere jeweiligen Gebetsbreviere) im Rucksack, keinen santuario auslassen, egal, wie beschwerlich sich der Weg ausgibt und wie wild die Natur um uns tobt.

Dennoch werden wir es uns zweimal überlegen, bevor wir wieder einen Cappuccino bestellen.

„Cameriere, un caffè nero, per favore!“

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