Verfasst von: alanwallislloyd | Januar 28, 2010

Das Wunder von Gibilmanna

[7. April 2008]

Geben wir es zu – kein Mensch will von angenehmen Urlaubserfahrungen hören. „Das Reisen ist das privateste aller Vergnügen“, schrieb einst die englische Schriftstellerin Vita Sackville-West. „Es gibt keinen größeren Langweiler als den Reise-Langweiler. Wir haben nicht das geringste Interesse, zu erfahren, was Soundso in Hong Kong erlebt hat.“ Martha Gellman hat so resümiert: „Der einzige Aspekt des Reisens, der für andere von Interesse ist, sind Katastrophen.“ Wie wahr! Daher werde ich meine Leser nicht mit Berichten von den sonnendurchfluteten Palazzi Palermos, den Wonnen Taorminas, dem glitzernden Schnee des Ätnas oder dem Trubel am Fischmarkt von Catania einschläfern. Hier geht es lediglich um eines der vielen kleinen Wunder, die uns das Reisen zu würdigen lernen kann.

Schon wieder stehen Silvia und ich in Cefalù, am Fuß der Rocca, eines riesigen Felsen, der diesen antiken sizilianischen Fischerort wie ein kleines Gibraltar überragt. Vor zwei Tagen sprangen wir geradezu die ersten Stufen hoch, während sich die sengende Frühjahrssonne langsam neigte, und freuten uns wie zwei Wandervögel auf den Aufstieg zum Diana-Tempel und zur Ruine der wuchtigen Normannenburg. „Ma è chiusa“, erzählte uns ein Wanderer mit einem schadenfreudigen Blitzen in den Augen. In der Tat: am Tor erfuhren wir, dass die Rocca schon um 16.30 Uhr dichtgemacht hatte. Seit wann kann man einen Berg schließen?, fragten wir beide, aber die Rocca antwortete nicht. Oder doch, denn heute Vormittag, als der Regen immer tiefer in unsere Jacken, in unsere Wanderschuhe einzieht, demonstriert sie ihre Macht ein zweites Mal, als wir wieder vor einem Schild stehen, auf dem diese Worte wie ein Geichtsurteil prangen: „La Rocca rimarrà chiusa.“

Cefalù mit Normannendom und Rocca im Sonnenschein

Ich lasse mir das Wort chiuso/chiusa auf der Zunge zergehen. Für mich heißt es inzwischen nicht nur „geschlossen“ sondern hat auch etwas von „J’accuse!“ an sich. Ich klage an! Ich stelle mir den Rocca-Wärter vor, der einfach blau macht, um diesen verregneten Freitag gemütlich im Schoße seiner Familie zu verbringen. Gleich gibt’s einen Antipasto und einen zarten Kalbsbraten, dazu eine Flasche guten sizilianischen Weins (vielleicht einen süffigen Nero D’Avola) und anschließend ein behagliches Schläfchen vorm Fernseher mit einem frisch gedruckten Corriere della Sera, der nun über seinem schnarchenden Kopf ausgebreitet liegt (und hoffentlich viel Druckerschwärze auf Stirn und Wangen hinterlassen wird). Ja, diese italienischen Beamten – man kann sie nur lieben! Aber wenn Silvia und ich kein anderes Reiseziel auftreiben können, lockt uns nur noch unsere kalte Ferienwohnung in Santo Stefano mit der tollen Regenterrasse mit Panoramablick… auf den Küstennebel.

Wir stapfen durch die Gassen von Cefalù zurück und nehmen Platz an einem caffè auf der Piazza del Duomo, und zwar unter einem breiten Sonnenschirm, der heute als Regenschirm einspringen muss. Nun ist es klar: die einzigen Regenbögen, die wir an diesem Tag erblicken werden, schimmern nur noch in den Pfützen und hinterlassen Ölflecke an unseren Jeansaufschlägen. Der Regen hat den Zauber von vorgestern aus unseren Augen gespült. Ich stelle wieder fest, dass ärmliche Länder jeden Reiz verlieren, sobald das Licht ausgeht. Buongiorno tristezza. Ohne die Mittelmeersonne könnte Sizilien genauso gut irgendwo in Weißrussland liegen.

Wir tun Zucker in unsere Capuccinos und rühren sie um, als könnten wir dadurch diesen versauten Urlaubstag noch versüßen. Ich kritzele ein paar Wörter in mein Schreibheft – Notizen für das Rom-Kapitel meines Romans Auf dem Rücken des Nordwinds, aber die Inspiration – im Gegensatz zum Regen – will heute nicht fließen. Einer der Regenschirme entledigt sich seiner feuchten Last mit einem Schwall wie aus einem Putzeimer. Der deutsche Tourist am Nachbartisch, der die volle Ladung auf die Glatze bekommt, springt auf und flucht auf Bayrisch. War das nicht ein Wink von oben? Un segno? Es ist schon Zeichen genug, denn hier können wir nicht bleiben. Silvia holt den Busplan hervor und wir beschließen, mit dem erstbesten Bus in die Berge hinaufzufahren – zum Heiligtum von Gibilmanna.

Zugegeben, bei diesem Wetter in die Berge zu fahren, ist ein wahrer Glaubensakt. Aber da oben gibt’s laut „DuMont“ wenigstens ein Kapuzinerkloster, ein Museum und einen berühmten santuario, der dem Andenken der Jungfrau Maria gewidmet ist und seit mindestens 1.200 Jahren Pilger aus aller Welt anlockt. Schon der Name Gibilmanna, ein Relikt der Sarazenenzeit, riecht nach Abenteuer: er soll vom arabischen „Gibel-El-Mann“ herstammen – Berg des Mannas, in Anlehnung an die Manna erzeugenden Bäume in der Gegend, oder aber von „Gibel-El-Iman“, Berg des Glaubens.

Der Lokalbus schleicht sich durch das nachmittägliche Gewühl am Bahnhof hindurch und hält an. Wir nehmen Platz unter lauter Schüler und Greise und beginnen den langen Aufstieg an den Hängen des mächtigen Pizzo Sant’Angelos entlang. Eine halbe Stunde später, auf 800 Meter, steigen wir als einzige aus dem Bus aus… und tauchen in ein Nebelmeer ein. Der Regenwind saust zwischen die Fichten. Eine graue Kirchenfassade erhebt sich wie eine Gefängnismauer vor uns. Der santuario ist aber… chiuso. Das Café? Chiuso. Der Laden für religiöse Andenken? Chiuso. Das Museum bleibt chiuso bis 15.30 Uhr. Und das Kloster selbst? Es ist erst recht chiuso. Es bietet tatsächlich keinen Begrüßungsraum, rein gar nichts für frierende Pilger wie wir. Nicht einmal einen Cappuccino bekommt man bei diesen Kapuzinern.

Wir besteigen einen Pilgerweg, eine via crocis, die uns nur noch tiefer in die Nebelglocke hinaufführt, um an einem rostigen Stacheldrahtzaun zu enden. Wir steigen wieder hinunter und umrunden das Kloster dreimal, um uns wenigstens warm zu halten. Nun ist es schon halb vier durch, aber im Museum tut sich nichts. Und nun regnet es im Ernst. Ich klopfe an der Tür, hämmere mit dem schweren Eisenring gegen die Eichenbretter. Ich ernte eine himmlische Stille.

Nun stampfen wir endlich zum Hauptportal des Klosters und klingeln.

„Si?”, faucht die Sprechanlage.

„Vorremmo visitare il museo, per favore”, sage ich.

“È chiuso!”

-Klick-

Chiuso – schon wieder! Was sollen wir nur machen? Die Temperatur liegt knapp über dem Gefrierpunkt und schon setzt der Wind wieder ein. Dabei haben wir noch eine volle Stunde, bis der Bus wiederkommt – wenn er wiederkommt. Wie sollte er in diesem Nebel seinen Weg finden?

Nein, wir wollen keinen Cappuccino mehr. Wir wollen gar nichts mehr von diesen Kapuzinern. Wir wollen nur noch weg.

Wir drehen schon wieder eine Runde durch die steinernen Höfe des Klosters. Plötzlich geht das Kirchenportal auf. Endlich werden wir Zuflucht vor dem Regen finden. Und wenn wir schon auf das Museum verzichten müssen, können wir wenigstens das berühmte Kruzifix sehen, das vor tausend Jahren folgende Worte zu den Mönchen Gibilmannas gesprochen haben soll: „Hier regiert meine Mutter. Wendet euch an sie!“ Das wollen wir auch tun. An wen denn sonst…?

Die Tür knarrt, wir betreten die eisigen Marmorfliesen… und mir stockt der Atem, als ich das Bildnis der Madonna von Gibilmanna im Kerzenschein erblicke. Zuversicht und Zufriedenheit breiten sich über ihr Gesicht aus. Dabei ist sie keinesfalls die unterwürfige Maria der Evangelien (Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast), sondern sie ist ganz die Mutter Gottes, die Königin des Himmels, und zwar aus eigener Kraft. Dies ist eine heidnische Maria. In ihren Zügen entdecke ich Diana, Venus, Isis, Ischtar, Freyja. Schöpferin und Zerstörerin. Goethes „ewig Weibliche“, das uns ja hinanziehen soll…

Wir setzen uns in der Kapelle der Madonna zur Ruhe. Hier brennen wenigstens Lampen. Silvia liest in ihrem Krimi, ich dagegen bewundere eine Zeitlang das Antlitz der Mutter Gottes, dann schreibe ich zwei Szenen von Auf dem Rücken des Nordwinds auf der Rückseite des Busplans.

Die Madonna von Gibilmanna, Antonello Gagini zugeschrieben (16. Jahrhundert)

Hinter meinem Rücken vernehme ich das Klappern eines Stocks auf die Fliesen. Ich drehe mich um. Ein greiser Kapuziner mit einem langen weißen Bart nickt mir zu und setzt sich auf einen Holzstuhl. Ein Mann mittleren Alters im grauen Anzug tritt ans Heiligtum heran, kniet vor dem Marienaltar nieder und murmelt seine Gebete. Aber Silvia liest, und mein Kugelschreiber tänzelt über die Blätter. Das Kapitel, so lange geplant, nimmt endlich Gestalt an. Meine Charaktere recken sich, atmen durch und fangen an zu sprechen…

Nun ist nichts mehr so, wie es früher war. Der fast leere Bus trifft tatsächlich pünktlich um 16.30 Uhr ein. Wir lassen den Nebel auf dem Pizzo Sant’Angelo zurück und fahren wieder nach Cefalù hinunter. Dort lichtet sich der Abendhimmel im Westen und wir bestaunen den Sonnenuntergang überm Meer. Italienisches Speiseeis versüßt die letzten Minuten dieses Tages.

Am nächsten Morgen geschieht Unglaubliches: eine zitronengelbe Sonne steigt in einen wolkenlosen Himmel auf. Das Mittelmeer glüht curaçao-blau und Sizilien ist wieder Sizilien. Und wir sind uns einig: das alles haben wir der Madonna von Gibilmanna zu verdanken. Wir sind nämlich weiser geworden, denn in Zukunft werden wir, mit Krimi und Schreibheft (unsere jeweiligen Gebetsbreviere) im Rucksack, keinen santuario auslassen, egal, wie beschwerlich sich der Weg ausgibt und wie wild die Natur um uns tobt.

Dennoch werden wir es uns zweimal überlegen, bevor wir wieder einen Cappuccino bestellen.

„Cameriere, un caffè nero, per favore!“


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