Verfasst von: alanwallislloyd | Januar 29, 2010

Eindrücke von der ILA 2008

[1. Juni 2008]

Es war ein langer Weg – und ein verwegenes Ziel – aber es ist mir am Freitagabend tatsächlich gelungen, den Erstentwurf von meinem nächsten Roman, „Auf dem Rücken des Nordwinds“, planmäßig abzuschließen. Zwar ist der Weg zu meinem Laptop noch lange nicht so weit, wie der Weg, den Jenny und Daniel im Roman zurücklegen müssen (15.000 Kilometer!), aber schließlich brauchen sie knapp zwei Wochen dafür, während es für mich ein wenig länger gedauert hat… Nun steht der kommende Sommer ganz im Zeichen des neuen Romans. Mein Schreibplan: Im Juni wird der Entwurf zu einem Buch, im Juli wird das Buch zu einem guten Buch und im August wird das gute Buch zu einem verdammt guten Buch! Abgabetermin ist Ende August, Erscheinungstermin Ende Oktober. Ja, das wird wieder ein langer Weg werden, aber „mit ein bisschen Hilfe vom Nordwind“ wird mir das schon gelingen.

Dass „Im Reich Ngassas“ schon in wenigen Tagen erscheinen wird, und die Erstauflage von „Nachtflug zum Kilimanjaro“ fast ausverkauft ist, macht mich natürlich ganz besonders glücklich.

ILA 2008, Flughafen Berlin-Schönefeld

Nun passt es gut, dass ich gestern die Chance hatte, die diesjährige Internationale Luftfahrtausstellung in Berlin-Schönefeld zu besuchen. Ich bin zwar schon in früheren Jahren ein paar Mal dagewesen, aber ich habe sie noch nie so voll (und so heiß) erlebt wie in diesem Jahr. Man konnte sich kaum bewegen, als ob alle 250.000 Besucher gleichzeitig auf dem Gelände gewesen wären, und die Wartezeiten waren extrem lang, um die unterschiedlichen Flugzeugtypen von innen zu besichtigen. Am liebsten hätte ich die neue A-380, die ich nun zum ersten Mal erlebt habe, von innen gesehen, aber dafür reichte die Zeit leider nicht aus.

Dieses Mal waren mehrere DC3s in Schönefeld erschienen, und da dieser Flugoldtimer eine wichtige – eigentlich die Hauptrolle – im neuen Roman spielt, war ich wieder ganz in meinem Element.

Vor allem die oben abgebildete DC3, in Wirklichkeit eine Lissunow LI-2, die 1942 unter amerikanischer Lizenz in der Sowjetunion gebaut wurde und heute von einer ungarischen Fluggesellschaft betrieben wird, hat es mir angetan. Der Innenraum wurde denkbar originalgetreu wiederhergestellt. Dabei hat mich die luxuriöse Innenausstattung dieser schwedischen Maschine auf einige neue Ideen für den neuen Roman gebracht.

Dieses Mal ist es mir leider nicht gelungen, den berühmten Berliner „Rosinenbomber“ des Commander Frank Hellberg zu besichtigen, aber schließlich bin ich schon zweimal zu Recherchezwecken mit ihm geflogen.

Und worum geht’s überhaupt im neuen Buch? Ich möchte noch nichts verraten, obwohl einiges schon auf meiner „Bücher“-Seite zu erfahren ist. Ich muss meine Leser/innen leider auf den Herbst vertrösten. Und obwohl die Geschichte mehr oder weniger schon feststeht, bin ich doch ebenfalls sehr gespannt, zu erfahren, was meine Helden auf ihrer abenteuerlichen Reise auf dem Rücken des Nordwinds noch alles erleben werden…

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[5. Mai 2008]

Ich hatte schon immer meine Probleme mit der deutschen Filmindustrie. Soviel Talent, so viele Mittel, soviel Potential, und was ist das Resultat? Von einigen erstklassigen Ausnahmen abgesehen, wird uns eine Enttäuschung nach der anderen präsentiert. Woran kann das bloß liegen? Ich denke, es liegt nicht zuletzt an einem Mangel an Originalität, an Mut – und vor allem auch an dem Vertrauen zu den Zuschauern.

Diese These sah ich schon wieder bestätigt, als ich mir vor einigen Wochen Dennis Gansels neuen Film „Die Welle“ im Tegeler Cinestar-Kino anschaute. Die Prämisse des Films – es geht um die Verpflanzung von Morton Rhues berühmtem Roman über ein schiefgelaufenes Sozialexperiment in einer amerikanischen High School nach Deutschland – fand ich zwar wenig originell, dennoch interessant und auch ziemlich gewagt. Schließlich ist Neofaschismus ein anerkanntes und äußerst heikles Problem an deutschen Schulen. Ich war deshalb gespannt zu sehen, wie sich Gansel dieser Herausforderung stellen würde – und wie es mit dem Mut und Vertrauen des deutschen Films steht. Das Ergebnis wird leider auf meine Liste gescheiterter deutscher Produktionen eingetragen.

Dabei ist „Die Welle“ kein schlechter Film. Die jugendlichen Schauspieler sind begabt und engagiert und ihre Lebenswelten werden überzeugend dargestellt. Jürgen Vogel, der Klaus Kinski des neudeutschen Kinos, ist wahrscheinlich die beste Besetzung für die Rolle des ausgeflippten Lehrers, der im Lauf einer Projektwoche zum Thema „Autokratie“ eine neofaschistische „Welle“ unter seinen ahnungslosen Schülern in Bewegung setzt.

Das Potential war also vorhanden, aber „Die Welle“ blieb doch nur ein Wellchen im Wasserglas. Mich störten vor allem zwei Aspekte des Films. Erstens: Die Schule, in der die Geschichte spielt, ist einfach zu wenig „deutsch“, um glaubwürdig zu sein. Mir ist jetzt erst klargeworden, wie uramerikanisch Rhues’ Roman, der auf wahren Tatsachen beruht, wirklich ist. Die Schüler an seiner kalifornischen Schule sind von morgens bis abends auf dem Campus, engagieren sich in Arbeitsgruppen, Sportmannschaften, Orchestern, Clubs usw. usf. Korpsgeist, Fahnenappelle und Großkundgebungen gehören zum amerikanischen Schulalltag. Deutsche Schüler dagegen verbringen sowenig Zeit wie nur möglich in der Schule, außerschulische Aktivitäten sind so gut wie unbekannt, echte Schulcampusse gibt es kaum und von Schwimmbädern und organisierten Wasserballmannschaften können unsere Jugendlichen nur träumen. Der Typ des charismatischen Lehrers, der im Film dargestellt wird, ist ebenfalls ein typisch amerikanisches Phänomen. Solche Lehrer sind hierzulande eine Seltenheit, schon deswegen, weil der Kontakt zwischen Lehrern und Schülern so oberflächlich ist. Und seien wir ehrlich: In Deutschland, der Heimat von Wilhelm Buschs Lehrer Lämpel und Heinrich Spoerls „Feuerzangenbowle“, suchen Jugendliche überall Vorbilder, aber selten im Lehrerzimmer. Insofern ist die deutsche Edelschule, die im Film gezeigt wird, zwar vorbildlich ausgestattet, aber alles andere als glaubwürdig. Wenn der Faschismus nach Deutschland zurückkommt, dann wird die Schuld am allerwenigsten bei engagierten Lehrern und rührigen Kultusministerien zu suchen sein.

Lehrer Lämpel, das unfreiwillige Urbild aller deutschen Lehrer

Aber damit kann ich leben – ich habe schließlich nichts gegen Fantasy-Filme. Das Hauptproblem für mich lag darin, dass der Höhepunkt der Geschichte dermaßen drastisch und stümperhaft umgeschrieben wurde, dass nichts vom erstrebten Lerneffekt übrig bleibt. Man stelle sich vor: Die Schüler sind alle in Uniform erschienen und stehen in Reih und Glied, um eine Live-Übertragung einer Rede ihres „Führers“ zu hören. So weit, so gut. Anstatt aber, dass der Lehrer den Vorhang beiseite schiebt und den erschrockenen Schülern ein Video von Adolf Hitler, dem eigentlichen geistigen Führer der „Welle“, vorführt, sodass die Schüler sich schämen und für alle Zeiten den Neofaschismus abschwören, inszeniert Dennis Gansel einen… Amoklauf.

Wie bitte? Es stimmt wirklich. Die neue Moral der Geschicht’ heißt offenbar: Neofaschismus führt zu Amokläufen. Genial! Wie man aber in meiner alten Heimat sagt: „It just ain’t so“.

Ich vermute zwei Gründe für diese Entscheidung. Zunächst einmal Bürokratismus. Die Filmförderung Berlin-Brandenburg wollte wohl auf ihre Kosten kommen und gleichsam zwei Fliegen mit einer Klatsche schlagen. Neonazis und Amokläufe auf einmal bekämpfen – die perfekte Lösung! Nürnberg wird sozusagen als Vorstufe zu Erfurt verkauft. Es gibt aber ein kleines Problem: Diese Erscheinungen sind zwar gleichermaßen schrecklich, haben aber wenig miteinander zu tun. Die soziale Isolation eines gemobbten Amokläufers und die neofaschistische „Gleichschaltung“ einer aufgebrachten Meute sind sogar klare Gegensätze. Warum sollte man also diese Themen vermischen?

Ich denke, die Filmemacher hatten einfach Angst vor ihrem jugendlichen Publikum – bzw. vor ihren Sponsoren. „Was ist“, hat wohl einer der Produzenten gefragt, „wenn Hitler am Ende gezeigt wird, aber die Zuschauer reagieren nicht wie erwartet, bzw. wenn sie dann erst recht zu Neonazis werden?“ Daher musste am Ende Blut fließen, der Lehrer musste sage und schreibe in Handschellen abgeführt werden, damit auch der dümmste Schüler im Kinosaal begreift, dass Faschismus an deutschen Schulen nichts zu suchen hat.

Kinoerlebnisse wie dieses erwecken bei mir den Eindruck, dass wir als Gesellschaft tatsächlich noch nicht so aufgeklärt sind, wie wir uns einbilden. Oder die deutsche Filmindustrie ist noch nicht soweit. Ich gebe die Hoffnung aber nicht auf.

Verfasst von: alanwallislloyd | Januar 28, 2010

Das Wunder von Gibilmanna

[7. April 2008]

Geben wir es zu – kein Mensch will von angenehmen Urlaubserfahrungen hören. „Das Reisen ist das privateste aller Vergnügen“, schrieb einst die englische Schriftstellerin Vita Sackville-West. „Es gibt keinen größeren Langweiler als den Reise-Langweiler. Wir haben nicht das geringste Interesse, zu erfahren, was Soundso in Hong Kong erlebt hat.“ Martha Gellman hat so resümiert: „Der einzige Aspekt des Reisens, der für andere von Interesse ist, sind Katastrophen.“ Wie wahr! Daher werde ich meine Leser nicht mit Berichten von den sonnendurchfluteten Palazzi Palermos, den Wonnen Taorminas, dem glitzernden Schnee des Ätnas oder dem Trubel am Fischmarkt von Catania einschläfern. Hier geht es lediglich um eines der vielen kleinen Wunder, die uns das Reisen zu würdigen lernen kann.

Schon wieder stehen Silvia und ich in Cefalù, am Fuß der Rocca, eines riesigen Felsen, der diesen antiken sizilianischen Fischerort wie ein kleines Gibraltar überragt. Vor zwei Tagen sprangen wir geradezu die ersten Stufen hoch, während sich die sengende Frühjahrssonne langsam neigte, und freuten uns wie zwei Wandervögel auf den Aufstieg zum Diana-Tempel und zur Ruine der wuchtigen Normannenburg. „Ma è chiusa“, erzählte uns ein Wanderer mit einem schadenfreudigen Blitzen in den Augen. In der Tat: am Tor erfuhren wir, dass die Rocca schon um 16.30 Uhr dichtgemacht hatte. Seit wann kann man einen Berg schließen?, fragten wir beide, aber die Rocca antwortete nicht. Oder doch, denn heute Vormittag, als der Regen immer tiefer in unsere Jacken, in unsere Wanderschuhe einzieht, demonstriert sie ihre Macht ein zweites Mal, als wir wieder vor einem Schild stehen, auf dem diese Worte wie ein Geichtsurteil prangen: „La Rocca rimarrà chiusa.“

Cefalù mit Normannendom und Rocca im Sonnenschein

Ich lasse mir das Wort chiuso/chiusa auf der Zunge zergehen. Für mich heißt es inzwischen nicht nur „geschlossen“ sondern hat auch etwas von „J’accuse!“ an sich. Ich klage an! Ich stelle mir den Rocca-Wärter vor, der einfach blau macht, um diesen verregneten Freitag gemütlich im Schoße seiner Familie zu verbringen. Gleich gibt’s einen Antipasto und einen zarten Kalbsbraten, dazu eine Flasche guten sizilianischen Weins (vielleicht einen süffigen Nero D’Avola) und anschließend ein behagliches Schläfchen vorm Fernseher mit einem frisch gedruckten Corriere della Sera, der nun über seinem schnarchenden Kopf ausgebreitet liegt (und hoffentlich viel Druckerschwärze auf Stirn und Wangen hinterlassen wird). Ja, diese italienischen Beamten – man kann sie nur lieben! Aber wenn Silvia und ich kein anderes Reiseziel auftreiben können, lockt uns nur noch unsere kalte Ferienwohnung in Santo Stefano mit der tollen Regenterrasse mit Panoramablick… auf den Küstennebel.

Wir stapfen durch die Gassen von Cefalù zurück und nehmen Platz an einem caffè auf der Piazza del Duomo, und zwar unter einem breiten Sonnenschirm, der heute als Regenschirm einspringen muss. Nun ist es klar: die einzigen Regenbögen, die wir an diesem Tag erblicken werden, schimmern nur noch in den Pfützen und hinterlassen Ölflecke an unseren Jeansaufschlägen. Der Regen hat den Zauber von vorgestern aus unseren Augen gespült. Ich stelle wieder fest, dass ärmliche Länder jeden Reiz verlieren, sobald das Licht ausgeht. Buongiorno tristezza. Ohne die Mittelmeersonne könnte Sizilien genauso gut irgendwo in Weißrussland liegen.

Wir tun Zucker in unsere Capuccinos und rühren sie um, als könnten wir dadurch diesen versauten Urlaubstag noch versüßen. Ich kritzele ein paar Wörter in mein Schreibheft – Notizen für das Rom-Kapitel meines Romans Auf dem Rücken des Nordwinds, aber die Inspiration – im Gegensatz zum Regen – will heute nicht fließen. Einer der Regenschirme entledigt sich seiner feuchten Last mit einem Schwall wie aus einem Putzeimer. Der deutsche Tourist am Nachbartisch, der die volle Ladung auf die Glatze bekommt, springt auf und flucht auf Bayrisch. War das nicht ein Wink von oben? Un segno? Es ist schon Zeichen genug, denn hier können wir nicht bleiben. Silvia holt den Busplan hervor und wir beschließen, mit dem erstbesten Bus in die Berge hinaufzufahren – zum Heiligtum von Gibilmanna.

Zugegeben, bei diesem Wetter in die Berge zu fahren, ist ein wahrer Glaubensakt. Aber da oben gibt’s laut „DuMont“ wenigstens ein Kapuzinerkloster, ein Museum und einen berühmten santuario, der dem Andenken der Jungfrau Maria gewidmet ist und seit mindestens 1.200 Jahren Pilger aus aller Welt anlockt. Schon der Name Gibilmanna, ein Relikt der Sarazenenzeit, riecht nach Abenteuer: er soll vom arabischen „Gibel-El-Mann“ herstammen – Berg des Mannas, in Anlehnung an die Manna erzeugenden Bäume in der Gegend, oder aber von „Gibel-El-Iman“, Berg des Glaubens.

Der Lokalbus schleicht sich durch das nachmittägliche Gewühl am Bahnhof hindurch und hält an. Wir nehmen Platz unter lauter Schüler und Greise und beginnen den langen Aufstieg an den Hängen des mächtigen Pizzo Sant’Angelos entlang. Eine halbe Stunde später, auf 800 Meter, steigen wir als einzige aus dem Bus aus… und tauchen in ein Nebelmeer ein. Der Regenwind saust zwischen die Fichten. Eine graue Kirchenfassade erhebt sich wie eine Gefängnismauer vor uns. Der santuario ist aber… chiuso. Das Café? Chiuso. Der Laden für religiöse Andenken? Chiuso. Das Museum bleibt chiuso bis 15.30 Uhr. Und das Kloster selbst? Es ist erst recht chiuso. Es bietet tatsächlich keinen Begrüßungsraum, rein gar nichts für frierende Pilger wie wir. Nicht einmal einen Cappuccino bekommt man bei diesen Kapuzinern.

Wir besteigen einen Pilgerweg, eine via crocis, die uns nur noch tiefer in die Nebelglocke hinaufführt, um an einem rostigen Stacheldrahtzaun zu enden. Wir steigen wieder hinunter und umrunden das Kloster dreimal, um uns wenigstens warm zu halten. Nun ist es schon halb vier durch, aber im Museum tut sich nichts. Und nun regnet es im Ernst. Ich klopfe an der Tür, hämmere mit dem schweren Eisenring gegen die Eichenbretter. Ich ernte eine himmlische Stille.

Nun stampfen wir endlich zum Hauptportal des Klosters und klingeln.

„Si?”, faucht die Sprechanlage.

„Vorremmo visitare il museo, per favore”, sage ich.

“È chiuso!”

-Klick-

Chiuso – schon wieder! Was sollen wir nur machen? Die Temperatur liegt knapp über dem Gefrierpunkt und schon setzt der Wind wieder ein. Dabei haben wir noch eine volle Stunde, bis der Bus wiederkommt – wenn er wiederkommt. Wie sollte er in diesem Nebel seinen Weg finden?

Nein, wir wollen keinen Cappuccino mehr. Wir wollen gar nichts mehr von diesen Kapuzinern. Wir wollen nur noch weg.

Wir drehen schon wieder eine Runde durch die steinernen Höfe des Klosters. Plötzlich geht das Kirchenportal auf. Endlich werden wir Zuflucht vor dem Regen finden. Und wenn wir schon auf das Museum verzichten müssen, können wir wenigstens das berühmte Kruzifix sehen, das vor tausend Jahren folgende Worte zu den Mönchen Gibilmannas gesprochen haben soll: „Hier regiert meine Mutter. Wendet euch an sie!“ Das wollen wir auch tun. An wen denn sonst…?

Die Tür knarrt, wir betreten die eisigen Marmorfliesen… und mir stockt der Atem, als ich das Bildnis der Madonna von Gibilmanna im Kerzenschein erblicke. Zuversicht und Zufriedenheit breiten sich über ihr Gesicht aus. Dabei ist sie keinesfalls die unterwürfige Maria der Evangelien (Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast), sondern sie ist ganz die Mutter Gottes, die Königin des Himmels, und zwar aus eigener Kraft. Dies ist eine heidnische Maria. In ihren Zügen entdecke ich Diana, Venus, Isis, Ischtar, Freyja. Schöpferin und Zerstörerin. Goethes „ewig Weibliche“, das uns ja hinanziehen soll…

Wir setzen uns in der Kapelle der Madonna zur Ruhe. Hier brennen wenigstens Lampen. Silvia liest in ihrem Krimi, ich dagegen bewundere eine Zeitlang das Antlitz der Mutter Gottes, dann schreibe ich zwei Szenen von Auf dem Rücken des Nordwinds auf der Rückseite des Busplans.

Die Madonna von Gibilmanna, Antonello Gagini zugeschrieben (16. Jahrhundert)

Hinter meinem Rücken vernehme ich das Klappern eines Stocks auf die Fliesen. Ich drehe mich um. Ein greiser Kapuziner mit einem langen weißen Bart nickt mir zu und setzt sich auf einen Holzstuhl. Ein Mann mittleren Alters im grauen Anzug tritt ans Heiligtum heran, kniet vor dem Marienaltar nieder und murmelt seine Gebete. Aber Silvia liest, und mein Kugelschreiber tänzelt über die Blätter. Das Kapitel, so lange geplant, nimmt endlich Gestalt an. Meine Charaktere recken sich, atmen durch und fangen an zu sprechen…

Nun ist nichts mehr so, wie es früher war. Der fast leere Bus trifft tatsächlich pünktlich um 16.30 Uhr ein. Wir lassen den Nebel auf dem Pizzo Sant’Angelo zurück und fahren wieder nach Cefalù hinunter. Dort lichtet sich der Abendhimmel im Westen und wir bestaunen den Sonnenuntergang überm Meer. Italienisches Speiseeis versüßt die letzten Minuten dieses Tages.

Am nächsten Morgen geschieht Unglaubliches: eine zitronengelbe Sonne steigt in einen wolkenlosen Himmel auf. Das Mittelmeer glüht curaçao-blau und Sizilien ist wieder Sizilien. Und wir sind uns einig: das alles haben wir der Madonna von Gibilmanna zu verdanken. Wir sind nämlich weiser geworden, denn in Zukunft werden wir, mit Krimi und Schreibheft (unsere jeweiligen Gebetsbreviere) im Rucksack, keinen santuario auslassen, egal, wie beschwerlich sich der Weg ausgibt und wie wild die Natur um uns tobt.

Dennoch werden wir es uns zweimal überlegen, bevor wir wieder einen Cappuccino bestellen.

„Cameriere, un caffè nero, per favore!“

Verfasst von: alanwallislloyd | Januar 28, 2010

„Disziplin macht frei!“ Bootcamps in der Jugendliteratur

[3. März 2008]

Lesen bildet

Nun, es stimmt wirklich: Lesen bildet, prägt und klärt auf. Während meiner Kindheit in den USA besaß mein Vater nicht nur viele Bücher, er abonnierte auch mehrere Zeitschriften, darunter Time Magazine, National Geographic und viele weitere Illustrierte dieser Art. Aber obwohl ich oft und gern darin blätterte, hat sich eine Sache besonders tief in meine Erinnerung eingegraben: der Anzeigenteil, wo für die sogenannten „Military Schools“ geworben wurde.

Diese Bezeichnung trügt. Eine Military School ist keine Militärakademie im üblichen Sinn. Sie ist vielmehr eine private Kadettenanstalt, die hauptsächlich in den Südstaaten anzutreffen ist, wo für viel Geld vorwiegend schwer erziehbare bzw. schwächliche Kinder in Uniformen gesteckt, militärischer Disziplin unterworfen und zu echten Kerls erzogen werden. Diese „Sonderschulen“ der besonderen Art sind weder Gefängnisse noch echte militärische Einrichtungen sondern Disziplinierungsanstalten. Gleichzeitig wirkt schon die bloße Vorstellung eines solchen Internats als eine Art ständige Drohung gegen unruhige Kinder, die den Erwartungen ihrer Eltern nicht gerecht werden.

Daher kam mir die neuzeitliche US-amerikanische Institution des „Bootcamps“ für straffällige oder gar nur eigenwillige Jugendliche vom Prinzip her wenig überraschend vor, denn ich war durch meine jugendliche Zeitschriftenlektüre schon längst im Bilde. Dieser Wiedererkennungseffekt macht solche Anstalten aber nicht akzeptabler – im Gegenteil. Inzwischen breitet sich das Modell über den Globus aus, und da Deutschland und Europa irgendwann so gut wie alles aus den USA übernehmen, wäre es gut, vor allem diesen Import erst mal ein bisschen genauer anzuschauen, sowohl in der Realität als auch in der Jugendliteratur, wo das Thema von den meisten Jugendlichen überhaupt als Realität wahrgenommen wird.

Was sind überhaupt „Bootcamps“?

„Bootcamp“ ist der US-amerikanische Ausdruck für ein Militärausbildungslager, da die Rekruten dort ihre Armeestiefel erhalten und monatelang „unter dem Stiefel“ ihres Ausbilders stehen. Im Bootcamp werden angehende Soldaten und Soldatinnen hart rangenommen mit Uniformen, Fahnenappell, Laufen und Brüllen – immer wieder mit Brüllen. Der Zweck einer solchen Ausbildungsstätte besteht darin, den Rekruten nicht nur besondere Fähigkeiten beizubringen, sondern sie seelisch und körperlich „niederzureißen, um sie wieder aufzubauen“. Dieses Ziel widerspiegelt die landläufige Vorstellung, dass die US-Armee eine Art Schule der Nation darstellt – einer Nation, wo der loyale Marineinfanterist zum gottgefälligen Idealbürger hochstilisiert wird.

In seinem Film „Full Metal Jacket“ hat Stanley Kubrick dem klassischen Bootcamp der Marineinfanteristen ein Denkmal gesetzt:

Neuerdings werden zwar „Bootcamps“ in allen möglichen Bereichen angeboten. Es handelt sie hierbei um eher harmlose Schnelldurchlaufkurse zum Abnehmen, zum Umgang mit Computern usw. Diese freiwilligen Rosskuren haben aber wenig mit den Bootcamps für Jugendliche zu tun, die schon seit ca. 1983 bestehen und alles andere als freiwillig sind.

Bei diesen Bootcamps handelt es sich um eindeutige Umerziehungslager. Die Jugendlichen in solchen Camps sehen sich mit einer Mischung aus Fremdenlegion und Schule konfrontiert, und zwar mit eingeschränktem Kontakt zu ihren Eltern und ohne Zugang zum Rechtssystem. Der Fachbegriff für diese Behandlung lautet shock incarceration, was auf Deutsch so etwas wie „Schock-Haft“ bedeutet. Bis zu 10.000 junge Menschen pro Jahr werden durch körperliche Übungen und Demütigungen bis an ihren seelischen shock point gebracht, um dadurch ihre alte Persönlichkeit abzustreifen und ein neues, gesellschaftlich angepasstes Leben anzufangen.

Ein Unterschied zwischen einem Bootcamp und einem herkömmlichen Jugendgefängnis oder Jugendhof besteht darin, dass man nicht einmal verurteilt sein muss, um in ein Bootcamp geschickt zu werden. Die „Schüler“ in diesen Camps sind teils Jugendliche, die eingewiesen werden, um bei Drogen- oder Gewaltdelikten einer längeren Gefängnisstrafe zu entgehen, teils sind es aber welche, deren Eltern sie als „aufmüpfig“ oder schwächlich ansehen und sie auf militärischer Grundlage ertüchtigen lassen wollen. Eine schriftliche Einwilligung von Seiten der Eltern reicht aus, um einen Jungen oder ein Mädchen ganz legal aus seinem eigenen Haus entführen und in ein entsprechendes Lager bringen zu lassen.

Die Dauer der Strafe beträgt in rein staatlichen Institutionen in der Regel bis zu 180 Tagen. In anderen Anstalten liegt sie im Ermessen der Leitung und kann sich über Monate und sogar Jahre erstrecken. In einem Bootcamp, wo nach einem Punktesystem gearbeitet wird, ist es bei gutem Verhalten theoretisch möglich, schon nach einigen Monaten wieder freizukommen. Andere Jugendliche bleiben jahrelang inhaftiert, bis sie mit achtzehn Jahren automatisch entlassen werden. Da viele Bootcamps ihre Gebühren von den Eltern kassieren, ist das Interesse der Lagerleitung an einer vorzeitigen Entlassung ihrer Zöglinge entsprechend gering. Diese Bootcamps (ähnlich wie die elitären Military Schools) haben nämlich nicht nur nichts mit der US-Armee zu tun, sie sind größtenteils private Einrichtungen. Sie stellen insofern eine Verquickung aus Militarismus und Kapitalismus dar, die heute weltweit zunehmend in Mode kommt.

Heute gibt es bis zu 100 Bootcamps in den USA, Tendenz sinkend. Dieser Rückgang hat sicherlich einiges mit der Kritik zu tun, die seit Jahren den Bootcamps entgegengebracht wird. Es werden nicht nur tiefe psychische Schäden konstatiert (von den bis zu 65 Todesfällen, darunter viele Selbstmorde, ganz zu schweigen), sondern die hohe Rückfallquote scheint die geradezu utopischen Versprechen des Modells in Frage zu stellen. Vor allem bei jungen Frauen werden negative Resultate verzeichnet. Das liegt nach Meinung einiger Forscher daran, dass Frauen eher durch kollegiale als durch autoritäre Strukturen zu erreichen sind.

Ob sich diese Lager weiter ausbreiten werden, hängt sicherlich teilweise von den künftigen politischen und kulturellen Entwicklungen in den USA ab. In der heutigen Atmosphäre, wo das Militär und alles Kriegerische in bestimmten Gesellschaftsschichten geradezu vergöttert werden, übt das Bootcamp-Modell eine starke Anziehungskraft auf viele amerikanische Eltern aus. Diese Begeisterung ist übrigens nicht nur das Ergebnis eines hirnlosen Militarismus. In einer als dekadent und ungerecht angesehen amerikanischen Gesellschaft wird das Militär tatsächlich als einen Hort des Anstands sowie als eine wahre Meritokratie angesehen – als die beste Möglichkeit für Menschen der Unterschicht, durch harte Arbeit und Disziplin einen sozialen Aufstieg zu erleben, wobei dieser Zustand wohl mehr über den Zustand der amerikanischen Demokratie als über die tatsächlichen Vorzüge der US-Armee aussagt. Könnten eine friedfertigere Kultur und eine seriösere Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Problemen humanere Modelle gebären? Hoffentlich werden wir nicht allzu lange auf die Antwort warten müssen.

Drei Jugendromane

Das Bootcamp-Phänomen verlief bisher eher im Dunkeln. Seit einigen Jahren haben aber Jugendbuchautoren das Thema für sich entdeckt und es auf diese Weise Millionen von Lesern näher gebracht. Im Folgenden möchte ich die drei besten amerikanischen Bücher zu diesem Thema vorstellen. Diese Werke werden wohl einen nachhaltigeren Eindruck auf Jugendliche und deren Eltern machen als die klügsten Gutachten und TV-Reportagen.

Louis Sachar, „Löcher“ (Beltz, 2000/02).

Der Bestseller „Löcher“ verbindet die Atmosphäre eines modernen Märchens mit einem Anflug von magischem Realismus. Auch in Deutschland wird dieses Buch gern in Schulen verwendet, was nicht nur an seinem vielschichtigen Inhalt liegt, sondern vor allem auch daran, dass man es schwer wieder aus der Hand legen kann.

Der glücklose Schüler Stanley Yelnats wird des Diebstahls bezichtigt und anschließend zu achtzehn Monaten im Lager „Camp Green Lake“ in der texanischen Wüste verurteilt. Obwohl dieses private Bootcamp den Eltern wahre Wunder der Charakterentwicklung verspricht, besteht die „Erziehung“ ausschließlich darin, unzählige Löcher auf dem Grund des ausgetrockneten Sees zu graben, und zwar bei 37 Grad Celsius, sieben Tage in der Woche. Es ist in Wirklichkeit ein privates Arbeitslager. Die fanatische Lagerdirektorin ist eindeutig auf der Suche nach etwas, und dieses Etwas hat zufällig einiges mit Stanley und seiner merkwürdigen Familiengeschichte zu tun. Eine alte Legende aus Litauen sowie ein rassistischer Zwischenfall in Green Lake haben sowohl über diesen Ort als auch über Stanley selbst einen Fluch verhängt. Nur die Aufarbeitung dieser unerledigten Vergangenheit kann Erlösung bringen und der Barbarei von Camp Green Lake ein Ende setzen.

„Löcher“ war das erste Jugendbuch, das die unterschwellige Gemeinheit und Ausbeutung in den Bootcamps thematisierte, wobei das Lager als Institution nicht problematisiert wird sondern eher als Symbol für die Ungerechtigkeit und Absurdität des Lebens steht.

April Henry, „Breakout“ (Sauerländer, 2007).

Mit „Breakout“ legt die Krimi- und Thrillerautorin April Henry ihren ersten Jugendroman vor. Eines Tages stellt die 16-jährige Cassie Streng fest, dass ihr neuer Stiefvater, ein skrupelloser Psychiater, illegale Drogenexperimente bei Jugendlichen durchführt, die zu einigen Selbstmorden geführt haben. Sie beschließt, mit diesem Wissen an die Öffentlichkeit zu gehen. Ihr Stiefvater kommt ihr allerdings zuvor, indem er sie des Drogenkonsums bezichtigt und sie anschließend mit Einwilligung ihrer verzweifelten Mutter in ein Bootcamp nach Mexiko entführen lässt, wo die US-Gesetze nicht gelten und die mexikanischen erst recht nicht. (Mehrere Bootcamps haben sich tatsächlich im Ausland etabliert, z.B. auf Jamaika und den Philippinen, um sich der Aufsicht der US-Behörden zu entziehen.)

„Peaceful Cove“ erinnert eher an das US-Gefangenenlager Guantanamo Bay als an die strenge aber idyllische Privatschule, für die es sich in den Hochglanzbroschüren ausgibt. Außerdem lässt das willkürliche Punkte-System, das die Strafen und Belohnungen im Camp regelt, eine Entlassung vor Cassies 18. Geburtstag äußerst unwahrscheinlich erscheinen, denn schließlich kassiert der Lagerdirektor 4.000 Dollar für jeden Monat, den sie unter seiner Obhut verbringt. Nun steckt Cassie in einem Dilemma: soll sie durchhalten und sich anpassen, d.h. selber Teil dieses menschenverachtenden Systems werden, und zwar in der Hoffnung, vielleicht in einem Jahr „exmatrikuliert“ zu werden? Oder soll sie an die tödlichen Drogenexperimente ihres Stiefvaters denken und mit ihrer neuen Freundin Hayley einen Ausbruch wagen, bevor weitere Jugendliche der Geldgier ihres Stiefvaters zum Opfer fallen?

„Breakout“ ist nicht nur spannend, es wirft auch ein äußerst kritisches Licht auf die Gesellschaft, die so etwas möglich macht. Vor allem die Verbindung Drogen – Bootcamps, die Henry in ihrem Buch knüpft, scheint im Trend zu liegen: offenbar sollen die Mehrheit der Jugendlichen, die den Erwartungen der Gesellschaft nicht 100-prozentig entsprechen, mit persönlichkeitsändernden Drogen „behandelt“, während die Härtefälle in Bootcamps abgeschoben werden. Man hört nämlich immer häufiger von US-amerikanischen Schulen, die ihre Klassenreisen absagen müssen, weil die mitfahrenden Lehrer das ungeheure Volumen an Psychopharmaka, die ihre angeblich verhaltensgestörten Schützlinge täglich schlucken müssen, gar nicht bewältigen können. O schöne neue Welt!

Morton Rhue, „Boot Camp“ (Ravensberger, 2007).

Morton Rhue (der deutsche Pseudonym des amerikanischen Schriftstellers Todd Strasser) ist hierzulande vor allem berühmt wegen seines Romans „Die Welle“, der bald als deutsche Filmproduktion in die Kinos kommt. In „Bootcamp“ beschreibt Rhue ein sadistisches Straflager für Jugendliche, das seinen Insassen den letzten Rest an Menschenwürde raubt, und zwar nach dem Prinzip „Du kommst hier nicht raus, wenn du ihnen vorspielst, was sie haben wollen. DU kommst hier erst raus, wenn du BIST, was SIE haben wollen.“

Der 16-jährige Garrett Durrell ist einfach zuviel: zu groß, zu erwachsen, zu klug, vor allem zu eigenwillig. Als er bei einer Affäre mit einer Lehrerin erwischt wird und trotz der Mahnungen seiner despotischen Eltern die Beziehung im Geheimen fortsetzt, lassen sie ihn entführen und ins Bootcamp „Lake Harmony“ deportieren. Dort sind dem psychologischen und psychischen Missbrauch keine Grenzen gesetzt. Da die Erwachsenen sich die Hände nicht selber schmutzig machen wollen, werden besonders gewalttätige Häftlinge als Kapos eingesetzt, die die anderen Jugendlichen im Auftrag der Lagerleitung schlagen und foltern. Auf diese Weise bleibt die „Erziehung“ in Lake Harmony „legal“. Als Garrett neue Freunde gewinnt, die einen Ausbruch wagen wollen, und schon kurz vor seinem Ziel steht, muss er eine Entscheidung treffen: sollte er um jeden Preis für seine Freiheit kämpfen oder lieber das menschliche Leben schützen – auch das Leben seiner Peiniger?
Rhue’s „Boot Camp“ erinnert stark an April Henry’s „Breakout“. Während Henrys Buch eher eine gesellschaftskritische Botschaft präsentiert und trotz aller Brutalität eine gewisse Hoffnung weckt, zeichnet Rhue ein denkbar menschenfeindliches Bild des Bootcamp-Modells an sich. Der düstere Schlusssatz, das direkt aus George Orwells „1984“ zu springen scheint, lohnt schon den Kauf des Buches…

Sicherlich machen es sich diese Autoren ziemlich leicht, indem sie alle drei Protagonisten als unschuldig darstellen und sie sozusagen als politische Gefangene erscheinen lassen, sodass man etwa an Hans und Sophie Scholl sowie an weitere Justizopfer erinnert wird. In den echten Bootcamps sind solche Fälle wohl die Ausnahme – die meisten verurteilten Insassen wissen schon, warum sie da sind. Die eigentliche Frage ist nicht, ob kriminelle Jugendliche überhaupt solchen Bootcamps ausgeliefert werden sollten, sondern ob diese Anstalten das halten, was sie versprechen, und gleichzeitig die Menschenwürde ihrer Zöglinge aufrechterhalten. Bisher spricht alles dagegen. Dass lediglich  „ungehorsame“ Jugendliche in Bootcamps nichts zu suchen haben, müsste selbstverständlich sein. Die bloße Tatsache, dass die in diesen Romanen dargestellten Situationen auf Grund der mangelnden Rechtssicherheit und elterlichen Aufsicht überhaupt möglich sind, macht das Modell in meinen Augen zu einem Skandal monströsen Ausmaßes.

Bootcamps für Deutschland?

Trotz aller Kritik wird das Bootcamp als Institution noch eine ganze Weile fortbestehen – seine Wurzeln in der amerikanischen Kultur und Gesellschaft sind einfach zu tief, als dass man sie über Nacht herausreißen könnte, und erst recht nicht durch drei kritische Jugendromane. In Europa hört man inzwischen auch Stimmen, die eine Art Bootcamp für gewalttätige Jugendliche fordern. Vergleichbare Projekte laufen schon in Sarkozys Frankreich und Putins Russland an. Ist das amerikanische Bootcamp ein Vorbild auch für Deutschland? Trotz einiger vorsichtigen Schritte in diese Richtung wird das Modell von Pädagogen und Psychologen hierzulande weitgehend abgelehnt. Sicherlich tragen die Assoziationen zur Hitlerjugend, die diese Camps mit ihren Uniformen und Fahnenappellen wecken, etwas zu dieser Ablehnung bei.

Das klassische Bootcamp hat allerdings wenig mit der HJ zu tun, sondern viel eher mit einem anderen Merkmal der Nazizeit: dem Konzentrationslager. Während heute die Buchstaben KZ hauptsächlich Bilder des Todeslagers Auschwitz mit seinen ausgemergelten Leichen hervorrufen, weiß kaum einer noch, dass die ersten KZs (wie etwa Dachau) als eine Art Bootcamp für sogenannte arbeitsscheue Elemente konzipiert waren. Juden, Sozialdemokraten, Kommunisten, Homosexuelle und andere Personen, die aus der „Volksgemeinschaft“ ausgeschlossen wurden, sollten in KZs gebracht werden, um „erst mal richtig arbeiten“ zu lernen, getreu dem Motto: „Arbeit macht frei“. Reichsführer-SS Heinrich Himmler hat den erzieherischen Zweck der Konzentrationslager so formuliert: Es gibt einen Weg zur Freiheit. Seine Meilensteine heißen: Gehorsam, Fleiß, Ehrlichkeit, Ordnung, Sauberkeit, Nüchternheit, Wahrhaftigkeit, Opfersinn und Liebe zum Vaterland! Die Nazis wollten auf diese Weise „neue Menschen“ schaffen. Sicherlich empfanden viele „Volksgenossen“ diese Idee als genau richtig. Heute wissen wir aber, dass die KZs nicht Teil der Lösung, sondern sehr schnell zum Inbegriff des Problems selbst wurden.

Dasselbe gilt auch für die „Bootcamps“. Aber wer auch nur einen dieser drei Romane gelesen hat, weiß das schon und wird es nie vergessen. Denn… Lesen bildet!

[28. Januar 2008]

Ein neues Lied ertönt von einem CD-Spieler auf einer ostafrikanischen Straße. „Heshima heißt Respekt!“ singt eine kräftige Tenorstimme.  „Respekt kostet nichts. Um Respekt zu lernen, brauchst du keine Schule. Wenn du ins Ausland gehst und wieder kommst, dann beweist das Respekt. Respektierst du mich, dann respektiere ich auch dich. Respektiere die Aids-Kranken, die Waisen und Hinterbliebenen. Heshima heißt Respekt!“

Daressalaam, Tansania. 38 Grad im Schatten. In einer fensterlosen Geschäftsbude in der Uhuru Straße sitzt ein hochgewachsener junger Mann in einem Anzugshemd mit Schlips an seinem Plastikschreibtisch und sortiert „Safer-Sex“-Broschüren. Leonard Boniface, 29, ist der Gründer und Leiter des „Teenage Life“-Programms, das sich den Kampf gegen die Volksseuche Aids zur Aufgabe gemacht hat. Ein Blick auf die Statistik legt nah, dass ihm noch einiges bevor steht. Was kann ein junger Mann in einem engen, schlecht ausgestatteten Büro mit unsicherem Internetanschluss überhaupt erreichen? Ein Besuch bei Boniface zeigt, dass er sehr viel erreichen kann, wenn er eine Chance bekommt.

Der erste Fall von ukimwi– Kiswahili für Aids – in Tansania wurde 1983 registriert. Inzwischen sollen 1,5 Millionen Menschen, etwa 8,8% der erwachsenen Bevölkerung, infiziert sein. Mehr als 150,000 Menschen sind inzwischen gestorben. Die leeren Hütten, die die Überlandstraßen außerhalb von Daressalaam umsäumen, zeugen von der Zerstörungskraft des Virus. Die Bevölkerungsgruppe, die am meisten betroffen ist, sind „Jugendliche“, d.h. Menschen zwischen 15 und 35 Jahren, vor allem die gebildeteren und mobileren unter ihnen, wie etwa Studenten, Geschäftsleute, Fernfahrer, Techniker. In manchen Gegenden, wie z.B. in der Kagera-Region im Westen des Landes, wo die Seuche zuerst festgestellt wurde, sind mancherorts fast sämtliche Menschen dieser Altersspanne gestorben, so dass nur noch Kinder und Greise übrigbleiben. Das Land steht einem allgemeinen sozialen Dahinsiechen gegenüber, das durch wirtschaftliche Entwicklung und auswärtige Hilfe allein nicht ausgeglichen werden kann. Aids wird zwar Tansania, mit einem jährlichen Bevölkerungszuwachs von ca. 1,95%, nicht entvölkern, aber die Krankheit macht jeden Fortschritt schwer. Die Elite des Landes stirbt weg, bevor sie überhaupt ausgebildet wird.

Von außen betrachtet, könnte man meinen, Tansania hat keine Zukunft. „Das ist mir nie in den Sinn gekommen“, sagt Boniface. „Ich wusste aber sehr früh, dass ich etwas unternehmen musste.“

Boniface wurde 1978 als das achte von neun Kindern in der westlichen Provinzstadt Shinyanga geboren. Boniface hörte schon als Kind von der Seuche und bekam bald darauf  die ersten Opfer zu Gesicht. Im Jahre 1990 besuchte er einige Seminare über die Epidemie und gründete zusammen mit seinen Freunden eine Zweigstelle der katholischen Jugendorganisation „Youth Alive“, die sich schon früh dem Kampf gegen Aids verschrieben hatte. Als er 1998 nach Daressalaam zog, um sein Journalistikstudium aufzunehmen, schloss er sich der „Youth Alive“-Gruppe in der Hauptstadt an und engagierte sich für die Anti-Aids-Arbeit. Dann – ganz ohne Geld und Unterstützung – gründete er 2000 seine eigene kleine NGO, das „Teenage Life Programme“ (TELIP).

Boniface hatte vor, seine Erkenntnisse über HIV/Aids und das Leben normaler Jugendlicher auf der Straße mit den technischen und kommunikativen Kompetenzen, die er sich an der Dar-es-Salaam School of Journalism erworben hatte, zu verbinden. Er wollte Information über Aids an Jugendliche verteilen, und zwar durch Rundfunk und Fernsehen, persönliche Kontakte und Kultur. Dabei spielt Information eine Schlüsselrolle, da Aids in ganz Afrika ein gesellschaftliches Tabu darstellt – Aids gilt weiterhin als eine Krankheit der Unmoralischen und Perversen, und die Frage nach den sexuellen Gewohnheiten eines/er Partner/in wird immer noch als eine Beleidigung aufgefasst oder als ein Witz belächelt. Aber nachdem Boniface selber in einem Jugendclub oder vor einer Kirchengruppe schon ein paar Witze erzählt hat, verstummt das Gelächter sobald er anfängt, Themen wie die Gefährlichkeit von Analverkehr und Gelegenheitsprostitution sowie den Nutzen und Gebrauch von Kondomen beim Namen zu nennen. „Manche Jugendlichen hören von diesen Dingen zum ersten Mal“, sagt Boniface. „Die großen internationalen Aufklärungskampagnen erreichen die Menschen auf der Straße nicht.“

Durch seine alltäglichen Kontakte mit den Jugendlichen der Millionenstadt begriff Boniface, dass Information allein nicht ausreicht, daher seine Betonung der Kultur, und zwar unter dem Stichwort „moralischer Verfall“. In Tansania hat dieser Begriff eine konkrete Bedeutung: in einer Zeit verwirrender Globalisierung und des freien Falls traditioneller sozialer Beziehungen ist „moralischer Verfall“ ein Sammelbegriff für ein Phänomen, das wilde Prostitution, Vergewaltigung, Kindesmissbrauch, Alkoholismus, Drogenmissbrauch, Raubüberfälle und andere Übel umfasst. Dabei ist die Prostitution der größte Risikofaktor. Die „changudoa“ oder Straßenmädchen der großen Städte sehen für sich keine andere Alternative, als sich auf ungeschützten Sex mit fremden Männern einzulassen. Und es gibt immer noch viele Männer, die glauben, ihre Aids-Erkrankung nur durch ungeschützten Verkehr mit Jungfrauen heilen zu können.

Seit sechs Jahren bereist Boniface das Land und hält Vorträge über Aids, Safer Sex, einen verantwortungsbewussten Lebensstil sowie das Leid der HIV-Positiven, die zunehmend ausgegrenzt werden. Im Rahmen seines Journalistikstudiums reiste er in die Masai-Region im nördlichen Tansania und auch nach Botswana, wo er sich mehrere Wochen aufhielt und ein Feldprojekt über die Einstellung der Jugendlichen dieses verseuchten Landes zur Aidsepidemie durchführte. Der Dokumentarfilm, den er dort drehte, wurde im tansanischen Fernsehen ausgestrahlt. Er erstellt zudem einen Rundbrief, den er in Dar und vor allem in ländlichen Gebieten verteilt und ist dabei, in Zusammenarbeit mit der Regierung und privaten Spendern einen national „Tanzanian AIDS Fighters Awards“ (TAFA) ins Leben zu rufen, um die engagiertesten Aids-Aktivisten seines Landes auszuzeichnen.

Eine Spendenaktion aus Deutschland ermöglichte Boniface im Frühjahr 2004, sein Büro in der Uhuru Street zu mieten und mit einem Computer samt Internet-Zugang auszustatten. Somit hat er duch seine eigene Initiative das erste Aids-Informationszentrum eingerichtet, das dieses Slumviertel je gesehen hat. Mit seiner neuen Anschaffung, einem mobilen Aufklärungszentrum, verbreitet er seine Botschaft in allen sechsundzwanzig Regionen des Landes.

Dank seiner Beziehungen zu internationalen Organisationen (UN-AIDS, Oxfam, USAID) und privaten Mäzenen ist es ihm auch gelungen, an einer Vielzahl internationaler Veranstaltungen teilzunehmen. Er hat an mehreren Konferenzen in Kenia mitgewirkt und reiste 2003 als Delegierter zur Weltjugendkonferenz in Marokko. Im Jahre 2004 vertrat er sein Land im von Oxfam gesponserten Internationalen Jugendparlament in Sydney, und im Sommer 2005 reiste er zum Weltjugendtag in Köln. Im Sommer 2006 nahm er an einer internationalen Aids-Tagung im kanadischen Toronto teil und präsentierte einen Dokumentarfilm, die er mitproduzierte – Legends“, über die häufigsten „Aids-Legenden“ unter Jugendlichen – beim „MTV Staying Alive 48 Fest“ Kurzfilmfestival. Er träumt davon, seine internationalen Beziehungen auszubauen und ein journalistischen Praktikum in Europa oder Nordamerika zu machen.

Boniface ist sehr weit gekommen für einen jungen Mann aus Shinyanga, und er könnte noch viel weiter gehen. Er will sein Projekt ausbauen und es zu einem Modell für ähnliche Projekte in ganz Afrika machen. So klein wie seine Unternehmung auch ist (es besteht im Grunde nur aus ihm selbst und etwa zwei Dutzend Freiwilligen) besitzt sie entscheidende Vorteile gegenüber den regierungsgestützten und ausländischen Hilfsprogrammen. Da sind vor allem der direkte Kontakt zur Straße, die Fähigkeit, die Jugendlichen in ihrer eigenen Sprache anzusprechen, sein Verständnis für die Alltagskultur (Musik, Sexualität, die Faszination der jungen Generation für Computertechnik und Kommunikation), der zielbewussten Einsatz der finanziellen Mittel sowie direktes Feedback zu nennen. Im Gegensatz dazu versickern die Gelder der großen Hilfsorganisationen durch maßlose Betriebskosten und Korruption. Oft  erreichen sie nie die Menschen, für die sie bestimmt waren. Vor kurzem haben Boniface und einige befreundete Musiker einen Anti-Aids-Song im Bongo-Flavour-Stil aufgenommen – „Heshima“ („Respekt“) – den sie im Radio senden und als CD verkaufen. Respekt ist der Schlüssel zu seiner Botschaft: Respekt vor sich selbst, Respekt vor seinem/r Partner/in, Respekt vor den Opfern der Seuche, Respekt vor der Gesellschaft und der Tradition. Boniface selbst ist davon überzeugt, dass Aufklärung, Verhaltensänderungen, verbesserte medizinische Versorgung und ein neues kulturelles Bewusstsein die Verbreitung von Aids bis zum Jahr 2015 stoppen könnten, wie sie von den United Nations Millennium Development Goals (MDGs), denen er sein Projekt verschrieben hat, verlangt wird.

Und welche Ziele hat Boniface persönlich? Er erhält keinen Gehalt für seine Mühe, und bei seiner Tätigkeit als freier Mitarbeiter einer Zeitung verdient er höchstens einen Dollar am Tag. Dabei müsste er sich glücklich schätzen, denn viele junge Journalisten arbeiten völlig umsonst, um wenigstens berufliche Erfahrungen zu sammeln. Sein persönlicher Wunsch ist, später UN-Jugendbotschafter oder internationaler Journalist zu werden. Dabei entstammt er nicht Tansanias globalisierter und privilegierter Minderheit. Ohne finanzielle Ressourcen sind seine Chancen auf ein ausländisches Praktikum, geschweige denn eine gesicherte Stelle als Journalist oder Diplomat, gering. Somit steht er vor einem allgemeinen Problem der Dritten Welt: auch wer eine Ausbildung genossen hat, findet oft hinterher keinen Job. Die Infrastruktur ist einfach nicht vorhanden. Und wenn junge Ärzte, Anwälte, Ingenieure, Journalisten und andere Professionelle eine Position finden, erkranken sie oft an Aids oder Malaria, bevor sie etwas bewirken können.

Aber Boniface kann sich solche Zweifel nicht leisten. „Wir müssen weiter kämpfen“, sagt er. „Wir haben einfach keine andere Wahl.“ Deswegen steckt Boniface seine Broschüren in seinen Rucksack, zieht seinen Schlips gerade, und geht hinaus auf die Straßen Daressalaams, um seine Botschaft zu verbreiten: Safer Sex, Verantwortung und etwas wahrhaft Neues: Respekt.

Leonard Boniface (r.) und Alex Kassim (m.) mit dem Autor im UN-Büro, Daressalam, März 2004

***

Weitere Informationen unter: http://www.teenagelife.4t.com/

(c) 2008 A. Wallis Lloyd

Verfasst von: alanwallislloyd | Mai 26, 2009

„Es gibt tatsächlich so etwas wie eine Tesserung“

[21. Mai 2008]

Madeleine L’Engles Jugendklassiker „Die Zeitfalte“ erscheint wieder auf Deutsch

„Wenn man etwas in Worte fasst, führt es zu so vielen anderen Gedanken…“
(The Small Rain, 1945)

Heute weiß ich nicht mehr, ob man mir das Buch empfohlen hatte oder ob es „zufällig“ in meine Hände geriet. Aber kaum hatte ich den gebundenen blauen Band mit den drei grünlichen Kreisen und dem Goldsiegel des prestigeträchtigen Newbery Medal auf dem Deckel aufgeschlagen, befand ich mich schon auf der Schwelle zu einer anderen Welt, in der ich immer noch unterwegs bin.

Damals war ich etwa zehn Jahre alt. In den darauffolgenden Jahren las ich „Die Zeitfalte“ jedes Jahr von neuem durch. Nach meiner Studienzeit habe ich das Buch wieder entdeckt, wieder mit Leidenschaft verschlungen, und anschließend meinen eigenen Kindern vorgelesen, sobald sie alt genug waren, es zu verstehen. Noch heute nehme ich den Roman immer wieder in die Hand und es bleibt eines der ganz wenigen Bücher (wie etwa Voltaires „Candide“ oder Max Frischs „Mein Name sei Gantenbein“), die ich mir alle paar Jahre wieder vornehme. Es hat mein Leben sowie mein eigenes literarisches Schaffen wie kaum ein anderes Werk geprägt. Und mit solchen Erfahrungen stehe ich keineswegs allein. Es scheint fast so, als ob die „Tesserung“, von der das Buch handelt, es nicht nur vermag, Zeit und Raum, sondern auch den menschlichen Geist zu falten und zu biegen – und uns zu ganz neuen Denkweisen und Welten zu transportieren.

Madeleine L’Engle

Die Autorin dieses wahrhaft einzigartigen Kinderbuches war Madeleine L’Engle, die im September 2007 im Alter von 88 Jahren gestorben ist. Obwohl sie zu den beliebtesten Kinder- und Jugendbuchautoren der englischsprachigen Welt gehörte („Die Zeitfalte“ allein hat sich schon mehr als 8 Millionen Male verkauft), bleibt sie in Deutschland weitgehend unbekannt. Eine Neuauflage der „Zeitfalte“ im kommenden Sommer könnte dies ändern.

Madeleine L’Engle Camp wurde am 29. November 1918 in New York City geboren. Ihr Vater, ein kriegsversehrter Journalist und Romanschriftsteller, zog mit seiner Pianistin-Ehefrau und der gemeinsamen Tochter Madeleine nach Europa auf der vergeblichen Suche nach einem Klima, wo er seine Gesundheit wiederherstellen konnte. Dieses unstete Leben sowie die spannenden aber auch problematischen Aufenthalte in England, bei ihrem Großvater in Südfrankreich und in einem Schweizer Internat regten Madeleines Fantasie an.

Ich habe geschrieben, weil ich wissen wollte, worum es alles geht. Mein Vater wurde vor meiner Geburt im Ersten Weltkrieg vergast, und ich wollte wissen, warum es Kriege gibt, warum sich die Menschen wehtun, warum wir uns nicht vertragen können sowie was die Menschen bewegt. Deswegen begann ich, Geschichten zu schreiben.“

Als die Familie sich endlich 1933 in Florida niederließ, wo ihr Vater zwei Jahre später an den Spätfolgen seiner Vergasung starb, wurde Madeleine wieder aufs Internat geschickt, dieses Mal nach South Carolina. Obwohl sie ihr Leben in dieser Eliteschule als einsam und unglücklich empfand, waren ihre Leistungen gut genug, um ihr ein Studium an der Smith College in Massachusetts zu ermöglichen. Nach ihrem Abschluss im Jahre 1941 zog sie wieder nach New York City, wo sie sich als Bühnenschauspielerin versuchte und ihre ersten literarischen Werke verfasste. Ihr Debütroman, „The Small Rain“, erschien 1945. Bei einer Aufführung von Tschechows „Kirschgarten“ lernte sie ihren künftigen Mann, den Schauspieler Hugh Franklin, kennen. Das Paar hatte drei Kinder zusammen.

L’Engle erzielte einen frühen wenn auch mäßigen Erfolg mit Romanen, die ihre unglücklichen Kindheitserinnerungen sowie die Erfahrungen der Entfremdung und des Außenseitertums verarbeiteten („Camilla“, 1949; „And They Were Young“, 1951). Wie sie in späteren Jahren sagte,

„Das Großartige daran, älter zu werden, liegt darin, dass man alle anderen Alter, die man schon durchlebt hat, nicht verliert.“

Es folgten einige magere Jahre, die sich bis zur Veröffentlichung ihres Familienromans „Meet the Austins“ im Jahre 1960 hinzogen (dt. „Wir Austins“, 1963, der Auftakt zu ihrer beliebten Austins-Serie). Mit knapp 44 Jahren kam ihr großer Durchbruch: Nachdem 26 Verlage ihn abgelehnt hatten, brachte das New Yorker Verlagshaus Farrar, Straus & Giroux 1962 ihren Roman „Die Zeitfalte“ heraus (dt. „Spiralnebel 101“, 1968; später „Die Zeitfalte“). Dieser Überraschungserfolg wurde mit dem Newbery Medal für das beste Jugendbuch des Jahres ausgezeichnet.

Es folgten weitere Bände der „Austins“-Serie sowie insgesamt drei weitere „Zeitfalten“-Bücher. Zwei ihrer Jugendromane, „The Arm of the Starfish“ und vor allem „A Ring of Endless Light“, gehören für mich zu den besten dieses Genres. Ansonsten schrieb sie mehrere Romane für Erwachsene, dazu Memoiren, Gedichtbände und zunehmend auch theologische Texte.

Ketzerische Visionen

L’Engle, die ihre Zeit abwechselnd in New York City (wo sie neben ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit als Bibliothekarin der Kathedrale St. John the Divine ihre Bücher schrieb) und im Farmhaus „Crosswicks“ in Connecticut verbrachte, war ein lebenslanges wenn auch eigenwilliges Mitglied der anglikanischen Kirche. Wie bei den anderen Pionieren der Fantasy-Literatur, wie etwa die Anglikaner George MacDonald („Lilith“ und „Hinter dem Nordwind“) und C.S. Lewis („Narnia“) sowie der Katholik J.R.R. Tolkien („Der Hobbit“ und „Herr der Ringe“), in deren Nachfolge sie steht, prägten ein mystischer Glauben an eine höhere Wirklichkeit sowie eine Vorstellung von Parallelwelten ihr Werk.

Dabei war L’Engle alles andere als eine Fundamentalistin und gilt im heutigen Amerika nicht einmal als „christlich“ – im Gegenteil! Sie war zeitlebens eine Anhängerin der „Allaussöhnung“, d.h. der theologisch umstrittenen Vorstellung, dass die „Gute Nachricht“ der Evangelien darin besteht, dass grundsätzlich alle Menschen dieser Welt früher oder später von einer höheren Kraft erlöst werden und dass die „ewige Verdammnis“, die von den großen Amtskirchen gepredigt wird, lediglich ein menschenfeindliches Schreckgespinst sei. Es geht also nicht darum, sich unterzuordnen, sondern die Augen aufzumachen und selber zu denken. Ihr insofern häretischer Glaube an die unendliche Gnade eines liebenden Gottes, ihre enthusiastische Akzeptanz der Evolutionstheorie und vor allem die Präsenz von Hexen und einer Kristallkugel in der „Zeitfalte“ waren der Anlass zu mehreren Versuchen, das Buch aus öffentlichen Bibliotheken in den USA zu verbannen, zumal in der Bibel steht, dass man „keine Hexe am leben lassen“ dürfe. Neben dem ebenso teuflischen „Harry Potter“ bleibt „Die Zeitfalte“ nach fast einem halben Jahrhundert weiterhin eines der am meisten umkämpften und sogar verbotenen Bücher in den USA.

Die Zeitfalte

Die Nacht war dunkel und stürmisch.

Margaret Murry saß in ihrer Dachkammer, in eine Decke gewickelt, am Fußende des Bettes und sah zum Fenster hinaus. Die Bäume schwankten, wenn der wilde Wind sie peitschte. Die Wolken jagten nur so über den Himmel. Hin und wieder riss die Wolkendecke auf; dann guckte ein bleicher Mond durch und warf lange Schatten, die gespenstisch über den Boden tanzten.

Das ganze Haus zitterte.

Meg, in ihre Decke gehüllt, zitterte ebenfalls.

Was für ein Romananfang! Er ist nicht nur spannend sondern enthält auch ein Körnchen Ironie. (Schließlich stammt der Satz „It was a dark and stormy night“ vom unmöglichen frühviktorianischen Romancier Edward Bulwer-Lytton und wurde auch mehrfach von Charles M. Schulz in seinem „Peanuts“-Comic persifliert.) Dabei trifft diese Passage genau den richtigen Ton für diese unheimliche Geschichte, die man am besten in einer wilden Oktobernacht anfangen sollte.

Meg Murry wohnt mit ihrer Mutter und ihren drei Brüdern in einem einsamen alten Farmhaus in Neuengland. Ihr Vater, ein berühmter Physiker und Präsidenten-Berater, der an einem Geheimprojekt der NASA beschäftigt war, ist seit Jahren verschollen. Und das ist nur eines von Megs Problemen: Sie kommt sich hässlich vor und trägt neuerdings eine Zahnspange, sie bekommt schlechte Noten, streitet sich ständig mit dem Schuldirektor und macht sich große Sorgen um ihren kleinen Bruder Charles Wallace, der als geistig zurückgeblieben gilt und von den größeren Schülern gemobbt wird. Aber der Herbststurm setzt eine schicksalhafte Ereigniskette in Gang, die alles ändern wird: Plötzlich steht eine geheimnisvolle, hexenähnliche alte Frau, die sich als „Frau Wasdenn“ zu erkennen gibt, in klatschnassen Bettlerklamotten vor der Tür. Die Familie bittet sie herein und gibt ihr etwas zu essen. Als sie gerade dabei ist, sich gerade wieder die Stiefel anzuziehen, sagt sie zu Megs Mutter: „Ach, übrigens, meine Liebe, da wir schon vom Weiterkommen sprechen: Es gibt tatsächlich so etwas wie eine Tesserung“ – worauf Megs Mutter fast vom Stuhl fällt.

Die „Tesserung“, bzw. der Tesserakt bedeutet hier die fünfte Dimension, die als eine Art „Zeitfalte“ benutzt werden kann, um die dritte und vierte Dimension – Raum und Zeit – zu überbrücken. „Frau Wasdenn“ und ihre ebenso bizarren Freundinnen „Frau Diedas“ und „Frau Dergestalt“ erzählen nun Meg und Charles Wallace, dass ihr Vater mit der Tesserung experimentiert habe und nun auf einem anderen Planeten festgehalten werde, wo er nur durch ihre Intervention erlöst werden könne. Gemeinsam mit diesen drei seltsamen Wesen sowie mit Megs neuem Freund Calvin O’Keefe „tessern“ Meg und Charles Wallace von einem Planeten zum anderen auf der Suche nach ihrem Vater, bevor die dunklen Kräfte von „ES“ auf dem totalitären Planeten Camazotz das ganze Universum verschlingen können.

Bei dem wilden Abenteuer, das jetzt folgt, kommt L’Engles prophetische Weltanschauung zum Vorschein: Die ersten werden die letzten und die letzten werden die ersten. Die hässliche, unfähige Meg entpuppt sich als mutige und erfindungsreiche Retterin mit hellseherischen Fähigkeiten. Der angeblich behinderte Charles Wallace zeigt sich als Genie. Calvin, der populäre Schulathlet, ist tatsächlich ein begabter Naturwissenschaftler und Hellseher, der die angeblich unattraktive Meg ehrt und liebt (und sie in späteren Büchern heiratet und mit ihr sieben Kinder zeugt!). Der entführte Vater, auf den Meg seit Jahren alle ihre Wünsche und Hoffnungen projiziert hatte, ist selber wehrlos und ausgerechnet auf ihre Hilfe angewiesen. Und die drei alten Hexen sind in Wirklichkeit schutzengelgleiche Inkarnationen von Sternen, die sich im kosmischen Kampf gegen „ES“ selbst aufgeopfert haben…

Aber wie passt das alles zusammen? Wie die Journalistin Cynthia Zarin, selber ein Fan, 2004 in „The New Yorker“ schrieb: „[Die Zeitfalte] ist – je nachdem, wie man es sieht – Science Fiction, eine warmherzige Familiengeschichte, eine Antwort auf den Kalten Krieg, ein Buch über die Suche nach einem Vater, ein feministisches Traktat, eine religiöse Fabel, ein Roman über das Erwachsenwerden, ein satanistisches Werk oder aber eine vorausahnende Meditation über die Zukunft der USA nach dem Kennedy-Mord.“ Zu dieser Liste kann man nur noch hinzufügen: Es ist einfach ein sehr gutes Buch.

Dabei war „Die Zeitfalte“ nie sonderlich erfolgreich in Deutschland. Das liegt sicherlich zum einen an dem fehlenden kulturellen Rahmen, zum anderen an der unterschwelligen spirituellen Botschaft – eine eigensinnige anglikanisch geprägte Mystik, eine Art „Christentum ohne Christus“, die im deutschen Kontext auf Unverständnis stößt. Und als Verleger hätte ich auf jeden Fall eine neue Übersetzung in Auftrag gegeben. Dennoch hoffe ich, dass die attraktive Neuauflage, die im Juli 2008 erscheint, dem Buch viele neue Leser gewinnen und auch „tessern“ wird.

Es bleibt die Frage, warum Madeleine L’Engle so anspruchsvolle Themen wie die Quantenphysik, die fünfte Dimension, das Wesen des Bösen und die rettende Macht der Liebe ausgerechnet in ein 200-seitiges Kinderbuch gepackt hat. Es ist schließlich kein Wunder, dass sie so lange nach einem Verlag suchen musste. L’Engle hat die Frage einmal so beantwortet:

„Man muss das Buch schreiben, das geschrieben werden will. Und wenn dieses Buch zu schwierig für Erwachsene ist, dann schreibt man es eben für Kinder.“

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